Ceuta, Nostradamus, Heuschrecken und das Menschenbild dahinter

Wie Fälschungen, Bilder und Sprache unsere Wahrnehmung verändern

Im Umfeld von AfD-Politikern, rechtspopulistischen Akteuren, ihren Sympathisanten, sonstigen Sprachrohren und in unzähligen Kommentaren wird bezüglich von Migrationswellen seit Jahren ein Nostradamus-Zitat verbreitet:

„Übers Meer werden sie kommen wie die Heuschrecken, aber es werden keine Tiere sein…”

Während ich diesen Text schreibe, taucht bereits die nächste angebliche Nostradamus-Prophezeiung auf:

„Spanien fällt zuerst.“

Wieder versehen mit künstlich gealtertem Pergament, Wachsiegeln, mittelalterlicher Symbolik und dem Verweis auf ein angebliches Manuskript. Wieder ohne überprüfbare Quelle. Nicht einmal eine Centurie oder ein Quatrain werden genannt. Es genügt inzwischen offenbar, historische Ästhetik zu imitieren, um einer politischen Erzählung den Anschein von Wahrheit zu verleihen.

Instrumentalisierung einer Fälschung

Ich glaube weder an Nostradamus noch an Prophezeiungen.

Die Sprache von Nostradamus ist tief in der religiösen Vorstellungswelt seiner Zeit verwurzelt. Seine Verse arbeiten mit Bildern biblischer Plagen und apokalyptischer Katastrophen. Deshalb wirken erfundene Zitate für viele Menschen zunächst glaubwürdig. Sie imitieren jene religiös geprägte Bildsprache, die Nostradamus tatsächlich verwendet hat, obwohl er die betreffenden Worte nie geschrieben hat.

Der blinde Fleck der Nostradamus-Erzählung

Allein das ist Jahrhunderte nach der Aufklärung schon merkwürdig genug. Nimmt man das echte Werk von Nostradamus ernst, zeigt sich ein interessanter Widerspruch.

Er schrieb tatsächlich auch über große Hitze, Dürren, Überschwemmungen und Wetterextreme. Freilich nicht über den menschengemachten Klimawandel, den im 16. Jahrhundert niemand kannte. Dennoch existieren diese Verse*.

Ausgerechnet diese Passagen finden in denselben Kreisen, in denen der wissenschaftliche Konsens zum menschengemachten Klimawandel häufig bestritten oder relativiert wird, kaum Beachtung. Zitiert werden stattdessen frei erfundene Zitate über Migration und Fluchtbewegungen, um den Eindruck zu erwecken, es wären (geplante) Invasionen. Der Hinweis darauf wird oft mit einem Schulterzucken beantwortet:

„Ist doch egal. Es passiert doch gerade.“

Der reale Hintergrund und Informationsverzerrung

Was passierte eigentlich?

Nun, es starben in Ceuta Menschen.

Die Zahlen schwanken je nach Quelle und Stunde, offiziell bestätigt sind mindestens 72 Tote (Stand 2.8.2026), die Leichenhalle in Ceuta soll bereits 88 Tote aufgenommen haben. Genaue Zahlen sind schwierig, man muss halt abwarten wen man noch tot auffindet …

… dass es dabei primär um Tote, Leid und Trauer von Angehörigen ging/geht, haben wir kaum auf dem Schirm.

Zynisch, oder?

Verdrehung der Rechtslage

Ceuta ist zwar spanisches Hoheitsgebiet, gehört zur Europäischen Union, gehört aber nicht zum Schengen-Raum und ist daher nicht einfach das offene Tor nach Europa, wie es häufig dargestellt wird.

Wer die Grenze überquert, kann nicht einfach auf eine Fähre steigen und auf das spanische Festland weiterreisen. Zwischen Ceuta und dem Festland finden Identitätskontrollen statt. Genau deshalb sind nach den jüngsten Ereignissen fast alle Menschen wieder nach Marokko zurückgekehrt.

Ironischerweise vermitteln ausgerechnet rechtspopulistische Akteure in Europa das Bild, Europa stehe offen und jeder könne ungehindert einreisen.

Beide Narrative haben gemeinsam, dass sie mit der tatsächlichen Rechtslage nur wenig zu tun haben.

Noch bevor die Hintergründe geklärt sind, stehen für viele die Schuldigen bereits fest. Für die einen ist es der endgültige Beweis einer gescheiterten Migrationspolitik. Für die anderen der Beleg für eine gezielte Provokation Marokkos. Für wieder andere ist es die Schuld der „sozialistischen Regierung Spaniens“.

Medienspektakel, Meinungsspektakel, Verschwörungsspektakel

Die Bildsprache aller Beteiligten bleibt dabei ebenso mächtig wie ein Überangebot an Spekulationen, Verschwörungserzählungen und politischen Deutungen.

Die Bilder aus Ceuta sind verstörend. Innerhalb kurzer Zeit erreichten zehntausende Menschen eine Stadt mit rund 85.000 Einwohnern. Niemand sollte überrascht sein, dass solche Szenen Ängste auslösen. Angst ist zunächst eine menschliche Reaktion, keine politische Position.

Das Problem beginnt erst dort, wo Angst den Platz der Analyse einnimmt.

Alle Seiten behaupten, ihre Berichte, Meinungen oder Bilder würden die Wahrheit zeigen. Hinzu kommt ein Wust aus Desinformation, KI-Fakes und Falschinformationen. Es wäre müßig, jede einzelne Desinformation aufzuzählen. Während eine Behauptung in Sekunden verbreitet ist, brauchen Richtigstellungen oft Tage und erreichen nur einen Bruchteil der Menschen.

Aber bleiben wir bei den unzähligen Bildern, die tatsächliche Szenen aus Ceuta zeigen.

Man sieht Menschen, die eine bis ins Meer reichende Grenze umschwimmen oder durchwaten. Die Wegstrecke mag nicht lang sein, doch die schiere Zahl der Menschen sowie die Engstellen am Ufer und am Grenzzaun lassen erahnen, wie schnell aus Gedränge Panik werden kann.

Videos oder Bilder zeigen immer ein Ereignis. Sie zeigen aber selten dessen Geschichte. Sie zeigen den Augenblick, aber kaum den Zusammenhang. Sie beantworten nicht die Frage nach dem Davor und dem Danach.

Dazwischen bleibt erstaunlich wenig Raum für den Satz:

„Wir wissen es noch nicht.“

An einer weiteren Analyse möglicher Hintergründe und Vorfälle möchte ich mich nicht beteiligen, um nicht selbst Teil derselben Gerüchteproduktion zu werden. Für mich zeigt sich nämlich hier wieder ein verlässlicher Mechanismus:

Die Wahrheit entscheidet meist nicht über die Verbreitung einer Geschichte, sondern ihre politische Nützlichkeit.

Am Ende bleibt oft nur eines zurück:

Ratlosigkeit.

Oder die trügerische Gewissheit, bereits alles verstanden zu haben. Und schnelle Abwendung, wenn irgendwo ein neues Ereignis eintritt.

Vielleicht ist genau das das eigentliche Problem unserer Zeit. Wir sehen mehr Bilder als jede Generation vor uns und wissen trotzdem immer weniger, was wir eigentlich gesehen haben. Zwischen Wirklichkeit und ihrer politischen Erzählung liegen heute oft nur wenige Sekunden Schnitt, ein dramatischer Titel und tausendfache Weiterverbreitung.

Für mich ist das eigentliche Problem jedoch ein anderes.

Sprachliche Entmenschlichung

„Heuschrecken“ sind keine Menschen. Wer Menschen durch eine biblisierte Plagenmetaphorik zu einer Heuschreckenplage macht, entzieht ihnen ihre Individualität. Aus einzelnen Männern, Jugendlichen, Frauen und Kindern wird eine bedrohliche, gesichtslose Masse.

Genau das ist Entmenschlichung.

Neu ist dieser Mechanismus nicht. „Flut“, „Schwarm“, „Invasion“, die Sprache der Migrationsdebatte greift seit Jahrzehnten auf dasselbe Bildreservoir zurück: Naturgewalten und Tierkollektive, die man weder anspricht noch anhört, nur abwehrt. Das Nostradamus-Zitat ist also kein Ausrutscher, sondern die jüngste Variante eines alten Musters.

Über Migration muss gestritten werden. Über Grenzschutz, Asyl und Integration ebenso. Aber wer Menschen sprachlich zu Ungeziefer oder Plagen macht, überschreitet eine Grenze.

Dann geht es nicht mehr um Politik, sondern um die Abwertung von Menschen.

Eine besondere Ironie ist kaum zu übersehen.

Ausgerechnet diejenigen, die ein erfundenes Nostradamus-Zitat über angebliche „Heuschrecken“ verbreiten und den wissenschaftlichen Konsens zum Klimawandel häufig ablehnen, übersehen, dass gerade eine sich erwärmende Erde Fluchtbewegungen verstärken wird.

Menschen fliehen dann vor Dürre, Hunger, Überschwemmungen, dem Verlust ihrer Lebensgrundlage und fehlenden Zukunftsperspektiven.

Und das wird nicht nur den afrikanischen Kontinent betreffen. Auch Europa wird die Folgen des Klimawandels spüren.

Ihre Folgen erleben wir längst. Hitzewellen, Dürren, Überschwemmungen und Waldbrände sind keine Zukunftsszenarien mehr. Bereits heute fordern extreme Hitzewellen jedes Jahr tausende Menschenleben.

Wer heute Menschen als „Heuschrecken“ bezeichnet, könnte morgen erleben, dass auch Europäer ihre Heimat verlassen müssen.

Dann wären sie genau das, was sie immer waren: Menschen auf der Suche nach einem sicheren Ort. Bereit, ihre Heimat aufzugeben. Bereit, bei einem Grenzübertritt ihr Leben zu riskieren.

Zynismus der Bedürftigkeit

Es spielt dabei übrigens keine Rolle, ob Schutzsuchende eine Apple Watch tragen, ein Smartphone besitzen, Markenkleidung tragen oder mit einem Fahrrad aus dem Wasser kommen. Immer wieder werden solche Bilder verbreitet, um ihre Schutzbedürftigkeit oder ihre berechtigte Suche nach einem besseren Leben infrage zu stellen.

Der Vorwurf, sie dürften keine modernen Alltagsgegenstände besitzen, offenbart ein zutiefst paternalistisches und zynisches Bild von Not. Er fordert von Menschen, dass sie sich vor ihrer Rettung erst ihrer Würde, ihrer Biografie und ihres bisherigen Lebens entledigen müssen, um vor den Augen einer wohlhabenden Mehrheit als „legitim leidend“ zu gelten.

Wenn jemand glaubt, Verfolgung, Krieg oder existenzielle Not seien an sichtbarer Armut zu erkennen, verwechselt er Elend mit Menschlichkeit.

Perpetuum Mobile der Ausgrenzung

Aber auch wenn Schutzsuchende all diese unausgesprochenen Kriterien erfüllten und als „legitim leidend“ anerkannt würden, was folgte daraus?

Gar nichts.

Es würde lediglich immer wieder ein neuer Maßstab gefunden, um Menschen ihre Würde, ihr Menschsein oder ihr Leid erneut abzusprechen.

Der tiefere Kern liegt für mich darin, dass diesen Menschen häufig weniger Menschlichkeit zugestanden wird als uns selbst. Sie erscheinen nicht mehr als Individuen mit Biografien, Hoffnungen und Ängsten, sondern als gesichtslose Masse. Ihr Aussehen, ihre Herkunft oder ihr Glaube machen es offenbar leichter, sie auf Distanz zu halten.

Diese Abgrenzung endet oft nicht mit einer gelungenen Integration. Sie begegnet auch Menschen, die längst hier leben oder hier geboren wurden. Immer wieder werden neue Gründe gefunden, sie als „anders“ zu markieren, bis hin zu ihrem bloßen Aussehen oder ihrer bloßen Existenz.

Wo Menschen nicht mehr als gleichwertige Menschen wahrgenommen werden, beginnt die Entmenschlichung. Und sie kann in Rassismus münden oder Ausdruck rassistischen Denkens sein.

Diese Reduktion ist kein neutraler analytischer Akt, sondern der Mechanismus, der Ausgrenzung erst moralisch „erträglich“ macht.

Vielleicht sagt das am Ende weniger über Nostradamus aus als über den Zustand unserer politischen Debatte. Nicht die Wahrheit zählt, sondern die Nützlichkeit einer Erzählung. Wenn Wahrheit durch Nützlichkeit ersetzt wird, verliert die Politik ihre Problemlösungskompetenz und degeneriert zu einem reinen Affektspiel. Dann geht es nicht mehr darum, Wirklichkeit zu verstehen, sondern Emotionen zu bewirtschaften.

Und wir stumpfen ab gegenüber einer menschenverachtenden Sprache, die sich immer mehr als Normalität etabliert.

Genau darin liegt für mich die eigentliche Gefahr des Populismus. Weder Migration noch der Klimawandel werden dadurch gelöst. Es werden lediglich Ängste verstärkt, Menschen gegeneinander aufgebracht und reale Probleme weiter verschleppt.

Auch dieser Text ist eine ethische Position. Aber gerade deshalb halte ich sie für vertretenswert.

Wenn wir unsere Menschlichkeit bewahren wollen, bleibt nur ein Weg: der Mut zur Komplexität, die Weigerung, sich von oberflächlichen Bildern treiben zu lassen, und die Anerkennung der menschlichen Würde, jenseits von Nützlichkeitserwägungen.



*Nostradamus beschreibt in mehreren authentischen Texten Dürre, große Hitze, Feuer und Überschwemmungen, etwa in Centurie I, Quatrain 17 sowie in der Vorrede an seinen Sohn César. Diese Passagen werden von manchen nachträglich mit heutigen Wetterextremen in Verbindung gebracht. Ich selbst halte sie jedoch ausdrücklich nicht für Vorhersagen des menschengemachten Klimawandels. Sie zeigen lediglich, dass solche Motive in seinem Werk tatsächlich vorkommen, im Gegensatz zu dem vielfach verbreiteten, aber frei erfundenen „Heuschrecken“-Zitat.

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