Nocebo – Ich werde schaden

Neulich auf dem Maimarkt in Mannheim:

Auch diesmal konnte ich mich nicht vorm Lifestyle-Zelt drücken – meinen aufkommenden Gehirnhusten bemerkte aber zum Glück niemand. Ich habe mir meine Seelenpein schließlich längst selbst ausgemalt.

Schnell die Brille weggepackt, das Maimarkt-Überlebenskit hervorgeholt, T-Online-Logo und ADAC-Pass auf die Jacke geheftet – und rein ins Getümmel.

Mit dieser auffälligen gelb-magentafarbenen Tarnung kann man wenigstens an den gefühlt 27 Brillenputzteufelchen, 23 Mobilfunkscouts und 17 ADAC-Ständen weitgehend unbelästigt vorbei traben.

Einen Sichtschutz vor den Anti-Schmerzarmbändchen, die gegen alle Arten altersbedingter Pein helfen sollen, hatte ich leider nicht.

Einige aus meiner Begleitung blieben an so einem Stand stehen. Über 180 Jahre Lebenserfahrung … inklusive Beschwerden durch Bewegungsmangel und Arthrose.

Kenn ich auch alles. Physio nervt und ist anstrengend. Das Kirschkernkissen und ich sind in der kälteren Jahreszeit die besten Freunde.

Und wo hilft das Kirschkernkissen am besten?

Richtig. Auf der Couch.

Solche Dinge oder sogar Menschen, die Linderung verschaffen, sind immer die stillen Helden des Alltags.

Die Bändchen haben sie letztes Jahr hier gekauft. Diesmal ging es nicht um ein neues, es ging irgendwie darum, sie prüfen zu lassen, ob sie noch korrekt sitzen.

Es gibt diese Bändchen auch als Abo-Modell, bei dem sich die Heilenergie mit der Zeit erschöpft. Hier musste man nicht neue Energie nachkaufen – Richten reichte völlig.

Meine Begleitung fand das jedenfalls voll professionell und fair.

Damals versuchte ich noch den Effekt zu erklären, heute lass ich das sein. Ich fragte damals auch, warum Physiopraxen diese Armbändchen nicht nutzen? Die Antwort: Sonst könnten sie ihre teuren Therapien nicht anbringen und bei den Krankenkassen nicht abkassieren.

War klar. Die Masche mit der Profitgier der evidenzbasierten Medizin ist immer der kognitive Ausweg.

Mit solchen Magnet- oder Kupferarmbändchen wird ca. eine Milliarde Euro Umsatz gemacht. Von schwach bis stark magnetisiert und allergenem Kupfer ist alles dabei.

Ich bin diesmal weitergelaufen. Weil mir in dem Moment wieder klar wurde, wie absurd das Ganze ist. Wie wenig Aufklärung in solchen Momenten erreicht.

Man könnte sagen, das Betrachten der Armbänder aus der Ferne schonte meine Nerven. Ok, so richtig gelungen ist mir das nicht. Lag sicher an meinem eigenen Nocebo-Effekt …

Völlig absurd die Werbung am Stand. Dazu Sprüche wie „die Schulmedizin weiß nichts“ oder ein trotzig vorgebrachtes „Wer heilt, hat recht“ wird ins Hirn geprügelt.

Wer oder was heilt denn genau?

Um das zu klären, müsste man auf anerkannte wissenschaftliche Methoden zurückgreifen.

Die will man auch vermitteln mit dem gut sichtbaren Slogan:

„Wissenschaftlich erwiesen!“

Freilich. Oft nur im Selbstverlag, in englischsprachigen Pamphleten über irgendwas anderes, mit frisierten Grafiken und Cherry Picking oder mit einer Stichprobengröße von n = 5 Mäusen.

Es ist offensichtlich grotesk: Man lehnt die Methoden ab, sehnt sich aber nach deren Autorität und Prädikaten.

Das zeigt, dass selbst die schärfsten Wissenschaftsgegner tief im Inneren wissen, dass empirische Belege die höchste Währung der Wahrheit sind. Da sie diese nicht liefern können, simulieren oder fälschen sie sie einfach.

Das ist eine Arroganz, die eigentlich schwer auszuhalten ist. Wissenschaftsdiffamierung und (gespielte?) Ahnungslosigkeit gepaart mit bewusster Irreführung und völliger Ignoranz gegenüber menschlichen Wahrnehmungsfehlern.

Manche aus Überzeugung, manche mit Kalkül. Der Unterschied im Ergebnis ist gering.

Placeboeffekt, Erwartungseffekt und Bestätigungsfehler

Eigentlich ist das Wissenschaftsgebiet rund um Kognitionspsychologie, Psychosomatik oder sogar Neurowissenschaften höchst interessant. Es ist zumindest fließend und ziemlich komplex.

Es gibt eine reale körperliche Reaktion auf diese Armbändchen: Die Erwartung einer Linderung ist kein Einbilden, sondern ein biologischer Prozess. Die Entspannung und die reduzierte Anspannung führen zu einer realen Entlastung des Körpers.

Möglich ist natürlich auch, dass in der Zeit des Kaufes gerade ein Schub stattgefunden hat und danach wieder beim Abklingen war.

Der Irrtum besteht darin, dass die Wirkung dem Objekt zugeschrieben wird, obwohl die Ursache im eigenen Nervensystem oder Selbstheilung des Körpers liegt.

Die Selbstheilungskräfte (Spontanremission) des Körpers brauchen Unterstützung von außen, weil sie oftmals nicht bekannt sind und massiv unterschätzt werden. Statistisch betrachtet kann unser Körper tatsächlich eine hohe Quote von Krankheiten alleine bewältigen. Man muss hier vorsichtig sein, solche Fälle gab es auch schon bei Krebs, aber ernsthafte Krankheiten gehören in der Regel nicht dazu.

Die Unterstützung von außen führt zwangsläufig in ein Dilemma, denn die geweihten Dinge von außen werden beliebig.

Das Armband könnte nämlich auch ein Gummibärchen sein. Aber Gummibärchen als Heilobjekte sind ja offensichtlich lächerlich. Aber wenn man sie nach der Signaturenlehre farblich codiert macht’s vielleicht Sinn:

Grüne (Heilpflanzen, Waldgefühl, Natur) gegen Kopfschmerz, rote (Wärme) gegen Verspannungen, farblose (ohne chemische Farbstoffe) gegen Nierensteine und orangenfarbene gegen Erkältung (Orange, viel Vitamin C)

Alle Farben zusammen gegen Heißhungerattacken. Wirkt. Versprochen.

Es kommt halt auch auf die Simulation der Ernsthaftigkeit an.

Zum Beispiel auch bei Globulikügelchen und durchgeklopftem D4. Das Klopfen erfolgt natürlich nicht irgendwie. Weiße Kittel, OP-Kopfhäubchen, sterile Umgebung und ritualisierte Abläufe erzeugen den Eindruck naturwissenschaftlicher Präzision.

Genau das gehört mit zum Effekt.

Ich bin jedenfalls froh, dass Ibuprofen, Triptane und Morphine nicht auf diese Weise hergestellt werden.

Zuckerkügelchen und auf atomarer Ebene hochverdünnte (potenzierte…) Wirkstoffe sind zwar nicht ein gänzlich anderes Thema, aber durch deren Akzeptanz und Verbreitung bräuchte es einen weiteren Text.

Lustig ist in dem Moment nur, wie sich innerhalb der Eso-Szene diverse Akteure (Heiler und Heilerinnen) massiv widersprechen – und das Gläubige kaum nachdenklich macht. Ok, das kann man kompensieren mit dem Universaljoker “Jeder Mensch ist anders und braucht individuelle Therapie“.

Wie schnell das angeblich „Individuelle“ verschwindet, sieht man besonders gut bei Ernährungsberatung und Nahrungsergänzung.

Hier passt scheinbar auch alles auf alle.

Ich bin jetzt ein Streusel

Endlich konnte ich mein kleines Hüngerle mit einem leckeren Hefestreusel sedieren. Diese an Pizzen erinnernden runden Dinger, bestehend aus fluffigem Hefeteig, Butterstreusel und Zuckerguss.

Eine besonders dicke Schicht herrlich schimmernder Butterstreusel erwartete mich. Behutsam zog ich das Teilchen Stück für Stück aus der Papiertüte, damit ja nichts zerbröselt.

Kostbare Nervennahrung.

Gedankenbefreit und glücklich kauend ließ ich mich jetzt bereitwillig von der Menge mitragen.

Irgendwann hatte ich den Innenkern des Streusels erfolgreich freigeknabbert und nur noch die glasierten Synapsenbooster aus Butter vor mir …

… dann kam der nächste Slogan:

„Man ist, was man isst“.

Verdammt!

Für 0,45 Sekunden hatte ich jetzt doch ein schlechtes Gewissen. Egal. Der Streuselkern war einfach himmlisch.

Der Satz klingt zunächst harmlos.

Irgendwann wurde daraus jedoch eine Art gesundheitlicher Daueralarm.

Plötzlich scheint normales Essen ein permanentes Risiko zu sein: Gluten, Zucker, Milch, Histamin, Kohlenhydrate, Seed Oils, Übersäuerung, Entzündungen, Darmflorauntergang und vermutlich bald leicht aggressiv blickende Kartoffeln.

Natürlich gibt es reale Unverträglichkeiten, Allergien und sinnvolle Ernährungsempfehlungen. Nicht jede Kritik an Ernährung ist Unsinn. Problematisch wird es dort, wo aus komplexer Biologie eine Mischung aus Angst und wohliger Einfachheit entsteht.

Denn „Du hast wahrscheinlich Magnesiummangel“ erklärt das Leben deutlich einfacher als Schlafmangel, Stress, Bewegungsmangel, psychische Belastung oder chronische Erkrankungen.

Hier beginnt der ideale Nährboden für einen Milliardenmarkt aus Pulvern, Kapseln, Detox-Kuren und diffuser Selbstoptimierung.

Erst wird das Gefühl erzeugt, mit dem eigenen Körper stimme permanent etwas nicht. Danach folgt die Lösung in Kapselform.

Ich brauchte jetzt lediglich etwas Wasser, um Hände und Mund vom Zuckerguss zu befreien. Aber nicht nur einfaches Trinkwasser, es muss besonders sein …

Abschirmungen gegen Wasseradern

Bei uns in der Rheinebene gibt es nur Flächen-Grundwasser, und es ist völlig unklar, welche physikalische Wirkung von sogenannten Wasseradern ausgehen soll. Aber der Schwurbel scheint bei einigen Besuchern zu zünden.

Außerdem gibt’s ja immer noch Wünschelruten. Funktioniert natürlich immer, wenn Flächen-Grundwasser vorhanden ist. Je tiefer für dieses angeblich gefundene Wasser gegraben werden muss, desto beeindruckender wird rückwirkend die Gabe des Rutengängers. Logisch.

Etwa Zweifel? Hey, das ist schon seit Jahrhunderten angewandte Technik.

100 m tiefe Brunnen auf Burgen wurden schließlich so gefunden.

Nein, wurden sie nicht, aber das ist ein anderes, eigentlich sogar interessantes, Kapitel. Es ist nur peinlich und schäbig, wenn historische Pionierleistungen damaliger Brunnenbauer und moderne Ingenieurskunst heutiger Geologen und Geologinnen mit esoterischen Erzählungen abgewertet werden.

Ein paar Stände weiter:

Entkalkungsanlagen.

Die einen erklären, wie ein Ionentauscher funktioniert. Calcium raus, Natrium rein. Messbar. Überprüfbar. Technik.

Die anderen hängen einen Magneten ans Rohr und erzählen etwas von „veränderter Wasserstruktur“.

Beide stehen nebeneinander. Beide verkaufen Lösungen. Beide wirken auf den ersten Blick plausibel. Und beide erzählen dir erst einmal das Gleiche:

Wie schädlich unbehandeltes Trinkwasser angeblich sei.

Unbehandeltes Trinkwasser – das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Manche erklären sogar, dass unser Abwasser direkt in die Trinkwasseraufbereitung käme. Wie kommt man auf diesen Unsinn?

Der eigentliche gemeinsame Nenner ist sichtbar. Egal ob funktionierende Technik oder offensichtlicher Unsinn –
am Anfang steht immer die gleiche Botschaft:

Da ist ein Problem.

Und man sollte etwas dagegen tun.

Der Unterschied kommt erst danach. Die einen liefern eine Lösung, die messbar wirkt – wobei es fraglich ist, ob man sie wirklich braucht oder bemerkt, die anderen liefern ein Placebo.

Beide behandeln anschließend erfolgreich genau das Nocebo, das sie vorher in den Köpfen ihrer Kundschaft platziert haben.

Nocebo? Was ist das überhaupt?

Die Macht der Erwartung

Das Wort „Nocebo“ stammt aus dem Lateinischen und bedeutet: „Ich werde schaden“.

Während der bekanntere Placebo-Effekt durch positive Erwartung Linderung oder sogar Heilung auslösen kann, beschreibt der Nocebo-Effekt die Kehrseite: Negative Erwartungen können Beschwerden erzeugen oder verstärken – real, messbar, körperlich.

Der Placebo-Effekt ist kein Beweis für die Wirkungslosigkeit von Medizin. Er ist der Grund, warum wir sie überhaupt sauber prüfen müssen. Denn selbst eine wirkstofffreie Tablette kann Schmerzen lindern, wenn sie als wirksam erlebt wird. Das Gehirn setzt Botenstoffe frei, der Körper reagiert.

Der Körper reagiert nicht nur auf Wirkstoffe. Er reagiert auch auf das, was wir für wahr halten.

Und diese Verwandtschaft mit Placebo macht Nocebo mit „ich werde schaden“ so gefährlich.

Wenn Erwartung krank macht

Negative Erwartung erzeugt reale Symptome: Kopfschmerzen, Schlafstörungen, Unruhe, Schmerzen.

Nicht, weil etwas objektiv schädlich ist.
Sondern weil es als schädlich erwartet wird. Das ist kein Zeichen von Schwäche. Das ist Biologie.

Und genau deshalb so dankbar missbrauchbar.

Ein oft untersuchtes Beispiel sind Mobilfunkmasten. Immer wieder berichten Menschen über Beschwerden, sobald ein neuer Mast in ihrer Umgebung bekannt wird: Kopfschmerzen, Schlafprobleme, Unwohlsein.

Das Entscheidende:

In Studien treten diese Symptome auch dann auf, wenn der Mast gar nicht aktiv ist – oder wenn die Betroffenen lediglich glauben, er sei aktiv.

Witzig? Nein.

Die Beschwerden sind real.

In diesen Fällen liegt die Ursache jedoch nicht in der Strahlung, sondern in der Erwartung. Der Körper reagiert auf das, was er für eine Bedrohung hält.

Nach dem Lesen mancher Beipackzettel fühlt man sich bereits krank, bevor die erste Tablette überhaupt im Magen angekommen ist.

„Gelegentlich können auftreten: Schwindel, Übelkeit, Hautreaktionen, Herzrasen, Müdigkeit, Unruhe, Schlafstörungen, Halluzinationen und spontane Verwandlung in einen mittelgroßen Waldgeist.“

Spätestens ab Zeile 14 beginnt der Körper plötzlich aufmerksam mitzuspielen.

Medizin steckt hier in einem echten Dilemma:

Wer ehrlich aufklärt, kann Nocebo-Effekte verstärken. Wer nicht aufklärt, wäre verantwortungslos.

Wie weit das gehen kann

Es gibt dokumentierte Einzelfälle, in denen die Erwartung von Schaden selbst zur lebensbedrohlichen Dynamik wurde.

Ein bekanntes Beispiel: Ein Mann nimmt vermeintlich eine tödliche Dosis eines Medikaments ein – in suizidaler Absicht. Er entwickelt schwere Symptome, kollabiert, sein Zustand wird kritisch.

Erst im Krankenhaus stellt sich heraus: Er hatte nur Placebo-Tabletten geschluckt. Als er darüber aufgeklärt wird, stabilisiert sich sein Zustand.

Was ihn fast getötet hätte, war kein Wirkstoff. Es war “nur“ die Überzeugung, dass er sterben würde.

Nocebo ist damit keineswegs ein harmloser Effekt. Dieser Effekt kann auch Heilung verhindern.

Wenn Angst vor der Behandlung selbst wirkt

Kaum eine Therapie ist so stark mit Angst besetzt wie die Chemotherapie.

Und ja: Diese Angst hat einen realen Hintergrund. Die Behandlung ist belastend. Die Nebenwirkungen sind erheblich.

Aber: Erwartung verstärkt sie.

Studien zeigen, dass etwa 20–30 % der Patientinnen und Patienten Übelkeit entwickeln, bevor die Therapie überhaupt begonnen hat.

Der Körper reagiert, bevor der Wirkstoff es überhaupt kann. Auch in klinischen Studien berichten selbst Menschen in Placebo-Gruppen über Nebenwirkungen – teilweise in Größenordnungen von über 50 %. Auch dort, wo kein Wirkstoff verabreicht wurde.

Das bedeutet nicht, dass Nebenwirkungen eingebildet sind. Aber es bedeutet: Erwartung beeinflusst, wie stark wir sie erleben. Und genau deshalb wird es gefährlich, wenn medizinische Behandlungen pauschal als „Gift“ oder „Zerstörung“ geframed werden.

Denn sie sind genau das Gegenteil:

Manchmal das wirksamste Mittel, das wir haben.

Aktive Körperverletzung durch Suggestion

Schulmedizin – Der Begriff klingt harmlos. Fast sachlich. Ist er nicht.

Wenn das „Framing“ einer Behandlung als „Gift“ dazu führt, dass 30 % der Patienten sich allein durch die Erwartung übergeben und eventuell wegen dieses “Giftframings“  lebensrettende Maßnahmen abgelehnt werden, dann ist die Diffamierung der Medizin kein harmloser „alternativer Standpunkt“ und keine Harmlosigkeit mehr.

„Schulmedizin“ ist ein rhetorisches Werkzeug. Es stellt Wissenschaft als dogmatisch dar und schafft ein Gegenlager: hier die angeblich kalte, industrielle Medizin, dort die vermeintlich natürliche Alternative. Was wie Kritik aussieht, ist in Wirklichkeit Vorbereitung.
Vorbereitung auf Zweifel.

FUD: Das Geschäftsmodell hinter der Angst

Das Prinzip ist simpel:

Fear. Uncertainty. Doubt.

Zuerst wird Angst erzeugt.

Vor Strahlung, vor „Giften“, vor der Medizin selbst. Dann wird Unsicherheit gestreut.

Studien werden relativiert, Einzelfälle überhöht, Zusammenhänge verzerrt.
Am Ende bleibt Zweifel. An allem, was überprüfbar ist.

Es geht noch perfider:

Natürlich kennen gute Heilerinnen und Heiler angeblich ihre Grenzen. Spätestens dann, wenn es lebensbedrohlich wird oder ihre Macht begrenzt werden könnte.

Aus Verantwortung natürlich.

Ach wirklich?

Dann muss die Schulmedizin helfen. Manchmal ist auch das vergeblich.

Leider.

Nicht nur, dass dadurch manchmal wertvolle Zeit verloren geht, diese Verschiebung poliert auch die eigene Erfolgserzählung.

Die Logik ist einfach:

Im Krankenhaus sieht man Leid und Tod. In der eigenen Erfolgserzählung dagegen fast nur jene, die wieder gegangen sind.

Aus diesem blinden Fleck, dem Sud von Zweifel, geschürten Ängsten und Esoterik entsteht ein Markt.

Ein Milliardenmarkt – und er wächst

Die Esoterik- und Alternativszene ist kein harmloser Nebenschauplatz.

Marktforschungsberichte schätzen den globalen Markt für Alternativmedizin und Wellness auf mehrere hundert Milliarden Dollar jährlich, in Deutschland auf über 15 bis 20 Milliarden Euro, je nach Abgrenzung. Einig sind sich die Schätzungen im Trend: Der Markt wächst.

Das ist daher kein Randphänomen. Das ist ein Wirtschaftsfaktor.

Und wie jeder Markt folgt er einem einfachen Prinzip: Wer Angst erzeugt, erzeugt Nachfrage. Wer Nachfrage erzeugt, verdient daran. Und wer daran verdient, hat selten ein Interesse daran, dass die Angst verschwindet.

Die eigentliche Dynamik

Die Symptome sind real. Der Stress ist real. Die Einschränkung ist real.

Aber die Ursache liegt oft nicht dort, wo sie vermutet wird. Wer ständig hört, dass er von unsichtbaren Gefahren umgeben ist, beginnt, genau diese Gefahren zu spüren. Nicht, weil sie objektiv wirken, sondern weil sie erwartet werden.

Der Nocebo-Effekt ist der perfekte Nährboden für ein Geschäftsmodell, das von Verunsicherung lebt.

Mittlerweile bin ich beim obligatorischen Softeis angelangt. Vier Euro für ein bissel gefrorene Milchmasse in Schoko und Vanille. Objektiv absurd. Subjektiv absolut notwendig. Es ist immer fein, wenn das Eis plötzlich die überhitzten Gedanken kühlt.

Mal wieder haarscharf am Gehirnfrost vorbeigeschrammt …

Ein unbequemer Gedanke

Die Anfälligkeit dafür ist kein Problem „der anderen“. Sie ist menschlich.
Jeder ist empfänglich für Suggestion, wenn sie gut genug verpackt ist. Der Unterschied liegt nicht in der Intelligenz, sondern in der Bereitschaft, die eigenen Überzeugungen zu hinterfragen.

Der Nocebo-Effekt zeigt, wie eng Denken und Körper miteinander verbunden sind. Und er zeigt, wie leicht sich diese Verbindung beeinflussen lässt.

Wer Angst sät, kann reale Beschwerden erzeugen und evidenzbasierte Heilungsmöglichkeiten unmöglich machen.

Wer Zweifel systematisch streut, schafft einen Markt.

Und Hysterie.

Nocebo-Politik

Eine interessante Frage ist, was solche Mechanismen längst mit uns gemacht haben. Wenn jemand viel von “das schadet uns“ redet, Unwichtiges aufbläst und dafür Sündenböcke benennt, entsteht gesellschaftliche Angstökonomie. Wenn man Menschen dauerhaft einredet, sie seien permanent bedroht, verändert sich irgendwann ihre Wahrnehmung der Realität.

Aber das ist eine andere Geschichte.

Wir sind mit schweren Beinen und dicken Füßen am Ausgang des Maimarktes angekommen und sortieren die Messeschnäppchen …

Epilog

Solche Messen sind einfach unerbittlich.

Ich war trotzdem an einem ADAC-Stand, bin ja dort schon länger Mitglied. Mich interessierten die heftig beworbenen 50 Euro Tankgutscheine und wollte eigentlich fragen, ob es vielleicht auch Ladegutscheine gibt.

Gab es natürlich nicht.

Dafür habe ich zumindest an der Verlosung der Tankgutscheine mitgemacht, weil ich kostenpflichtig meine Frau mit ins Abo nahm.

Der Zahnstocherprobelauf war auch unvermeidlich.

Da erklärt eine freundlich lächelnde Käsepriesterin, warum „Der alte Bergkaiser“ seine volle Reifung erst ab 18 Monaten entfaltet und „Heiße Heidi“ geschmacklich eher in Richtung nussig-herzhaft marschiert …

… nun marschiert man zum Auto mit verschmierter Brille, in den Taschen ein Überlebenspaket für die versprochene Apokalypse: Käse für 140 Euro Messepreis, 6 Kilo echtes Schwarzbrot, 3 Kilo echte italienische Salami.

Ich rede mir einfach ein, das sei eine Investition in kulinarische Resilienz.

Im Oktober ist Offerta in Karlsruhe. Auch geil, weil viel kleiner und kompakter …

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