Vielleicht hilft ja der Stracciatella-Eis-Fluxkompensator …
Manfred ist genervt.
60 Kilometer pendelt er jeden Tag zur Arbeit. Einfach.
2,20 Euro pro Liter.
Schon wieder.
Aber doch zwei Cent günstiger als gestern. Die staatliche Entlastung zündet wie ein nasser Silvesterkracher.
Neun Liter auf hundert Kilometer. Wenn es gut läuft. Eigentlich nicht übel, für 2000 Kubik und 390 Nm.
Mit leicht zusammengekniffenen Augen blickt er auf die Tankanzeige, während sein 350-PS-Benziner beruhigend vor sich hin tickert.
Die Fahrleistungen reizt er kaum aus. Würde ja nur die Kosten hochtreiben.
Laute Kisten mag er sowieso nicht.
Langsam unterwegs sein allerdings auch nicht.
Ihn reizt gar nicht so das Gehabe um PS.
Es ist die Mechanik.
Er liebt die Vorstellung, wenn etwas perfekt ineinandergreift. Wenn vorne der Mechanikblock ansatzlos und geräuscharm hochdreht und die Vorstellung, wie hochkomplexe Systeme miteinander interagieren.
Das ist sein Ding.
Und er liebt es, an technischen Lösungen zu arbeiten, damit Systeme leise funktionieren. Wenn sie kohärent werden. Wenn sie dienlich werden.
Darum ist er auch Ingenieur geworden. Auch wenn er in seinem Beruf Dinge tun muss, die er für unwichtig oder nach seinen Kriterien als „inkohärent“ erachtet. Mit den Jahren musste auch Manfred akzeptieren, dass gute Mechanik längst nicht mehr ohne gute Elektronik auskommt.
Zuerst ein Greul. Dann viel Potential erkannt – und letztendlich bitter nötig.
Er hat sich über die Jahrzehnte mit all dem arrangiert, aber auch ein besonderes Gespür dafür entwickelt, wenn etwas aus dem Ruder läuft.
Abends sitzt er mit seinen Freunden und Claudia am Rand der Fußgängerzone in der Eisdiele und erklärt, dass man „den Leuten inzwischen alles wegnehmen“ wolle.
Früher sei Autofahren Freiheit gewesen. Heute sei Autofahren nur noch Abzocke. Außerdem nerven die vielen E-Scooter.
Die anderen nicken.
Jemand schimpft auf „die Politik“. Jemand anders auf „die Grünen“. Ein Dritter erzählt etwas von China, Kernkraft und Wärmepumpen, obwohl niemand weiß, warum eigentlich.
Das fragt sich gerade auch Manfred.
Warum eigentlich?
Claudia hört eine Weile zu, schleckt an ihrem Stracciatellaeis. Sie hatte die Jungs vor kurzem erst wieder getroffen. Sie kennt die Sprüche. Und sie kennt ihre Pappenheimer von von früher. Gemeinsame Kindheit. Sie alle sind waschechte Boomer mit Höhen und Tiefen. Sie haben viel Wandel mitgemacht, einigen davon in die Wiege gelegt, vieles mit gestaltet – und dabei einige Schrammen erlitten.
Und da liegt vielleicht der gemeinsame Zugang …
Sie zieht kurz das Handy aus der Jackentasche.
„Sag mal, du fährst doch ungefähr 120 Kilometer am Tag, oder?“
Manfred nickt. Er fragt sich, warum sich Claudia daran erinnert.
„Und dein Auto braucht so um die neun Liter.“
„Ja, momentan leider. Obwohl bei den möglichen Fahrleistungen …“
Sie unterbricht ihn lachend:
„Bitte jetzt kein Auto-Kartenquartett.“
Claudia tippt kurz herum.
„Dann verbläst du bei 2,20 Euro gerade grob fünfhundertfünfzig bis sechshundert Euro im Monat allein für Sprit.“
Manfred schaut sie kurz an und kann sich ein Grinsen nicht verkneifen. Er ahnt, worauf sie anspielt.
„Viel Sprit“, ergänzt sie schmunzelnd.
Beide erinnern sich: Manfred wollte früher nie akzeptieren, dass nicht der hohe Verbrauch im Quartett schlagend war, sondern der niedrige. 1973 wurden schließlich die globalen Spielregeln geändert.
Damals, als sie sonntags auf der Hauptstraße miteinander spielten. Sie haben es genossen, mit ihren Bonanzarädern endlich unerforschte Gebiete zu erkunden. Auf dem Asphalt schnelle Runden zu drehen. Den Eismann abzupassen, weil er immer die neuesten Sorten dabeihatte.
Nach Jahren aus Vanille, Erdbeer und Schokolade endlich was Neues:
Stracciatella – Innovation in Waffeln.
Sie tippt weiter und stopfte den Rest der Waffelspitze in den Mund, nur um damit irgendwie ernster zu wirken, was zum Glück gründlich schiefgeht.
„Mit Steuer, Wartung und Verschleiß liegst du wahrscheinlich eher irgendwo bei siebenhundert Euro im Monat.“
„So viel ist das niemals.“
„Doch.“
Sie dreht ihm das Display hin und nimmt noch einen Löffel Stracciatellaeis. Diesmal von seinem. Natürlich die Seite mit den meisten Schokoteilchen.
Kurz wird es still.
Claudia beobachtet, wie sich sein Blick verändert.
Dieses leicht konzentrierte Innehalten, wenn er ernsthaft nachdenkt.
Damals am See. Auf langen Rückfahrten nach Konzerten, wenn er plötzlich über Motoren, Sterne oder völlig absurde technische Lösungen philosophierte, als müsse die Welt unbedingt repariert werden.
Ihr Auto war damals klein, mit Anti-Atomkraft-Aufkleber. Manfred war pro Kernkraft, und sie hatten endlose Diskussionen darüber geführt. Manchmal auch harte Debatten, aber niemals dumme. Und egal wie heftig sie in der Clique darüber diskutiert haben, sie waren damals immer gemeinsam.
Oft unterwegs in seinem großen und ruhigen Auto. Mit viel Musik.
Und viel Schrauberei.
Während Manfred an Mechanik, Zügen und Hydraulik schraubte, verlor sich Claudia meist irgendwo zwischen Kabeln, Schaltern und kleinen elektrischen Lösungen.
Und wenn sie ehrlich war, mochte sie das.
Es gab immer eine Basis: eine besondere Liebe zur pragmatischen Technik. Das reizte sie beide.
Was kann Technik für den Menschen?
Wann wird’s sinnvoll?
Wann ufert es aus?
Ihm verdankt sie es auch, dass sie später einen technischen Beruf ergriffen hat.
Sein Vokuhila hatte den Kampf gegen die Jahrzehnte verloren. Sein technischer Ehrgeiz nicht.
Irgendwie war er nie ganz aus ihr verschwunden …
Manche Erinnerungen haben eben Ampere.
Manfred schaut auf die Zahlen. Dann auf Claudia.
Dieses Stirnrunzeln, das sie immer hatte, wenn sie etwas durchrechnete. Sie hatte dieses seltsame Talent, Bauchgefühl und Physik gleichzeitig ernst zu nehmen. Sie war damals eine der wenigen, die beim Schrauben nicht nur zuschauten.
Auch damals, als sie beide mit viel gemeinsamer Kreativität ihre Bonanzaräder mit allem Pipapo ausgestattet hatten. Sie hatten sogar irgendwann – mehr semiprofessionell – umlackiert: sie weiß, er schwarz.
Meist hatte sie clevere Ideen. Sie war irgendwie ein YPS-Heft mit Zöpfen.
Er bewunderte das. Schon immer.
Und er wusste, dass sie meistens recht hatte. Damals schon.
Sie war es, die ihn motiviert hatte, nach seiner Lehre noch zu studieren. Ihre Zöpfe haben die Jahrzehnten abgeschnitten. Ihr technischer Pragmatismus nicht.
Sie ist nie ganz aus ihm verschwunden …
Manche Erinnerungen haben eben Drehmoment.
„Den kleinen Stromer, den du neulich angeschaut hast, hättest du für knapp zweihundert Euro leasen können.“
„Ja aber …“
„Moment.“
Wieder tippt sie. Nun mit Löffel im Mund.
„Vielleicht hundertvierzig Euro Stromkosten bei deiner Strecke. Weniger Wartung. Keine KFZ-Steuer.“
Manfred antwortet nicht sofort. Wissend, dass sie sowieso schon einen Plan hatte.
„Du hast doch hinten im Hof sogar diese rote 400-Volt-Dose.“
„Ja schon. Die ist vom Vorbesitzer.“
„Da kannst du günstig laden.“
„Schon, aber dazu müsste man eine Wallbox genehmigen und montieren lassen.“
Eigentlich bereut er diesen Einwand sofort.
Im Kopf plant er längst Standort und Montage: Die 8er Dübel und 6er Schrauben liegen im Keller, im untersten linken Fach des alten Schreibtisches. 20m 5 x 4mm² Kabel hatte er noch aufgerollt an der Wand. FI und LS-Sicherungen – da könnte Claudia aushelfen …
„Nein“, kontert Claudia trocken seine Gedanken. „Nimm einfach eine Wallbox To Go. Dann brauchst du fast gar nichts.“
War klar, sie vernichtete seinen kostengünstigen DIY-Plan mit klarer Effizienz.
„Und selbst wenn du unterwegs laden musst“, sagt Claudia und nimmt noch einen Löffel Eis und legt beiläufig geschickt weitere Schokoteilchen frei, „mit vernünftigem Tarif bist du immer noch deutlich unter deinen jetzigen Kosten.“
Sie schießt eine Frage hinterher, aber auf ihre Art verpackt in eine Feststellung:
„Und interessant wäre ja, wenn dein Arbeitgeber irgendwann Lademöglichkeiten anbieten würde. Plant ihr da schon was?“
Manfred schaut auf sein langsam schmelzendes Eis – jetzt fast frei von Schokoteilchen.
Dann wieder auf die Zahlen.
Und weil Manfred Techniker ist, passiert etwas Unangenehmes.
Er beginnt zu rechnen.
Rund 250 Euro weniger im Monat.
Selbst der größere Stromer hätte ihn wahrscheinlich noch günstiger gekostet. Das kleine SUV, das ihm eigentlich ganz gut gefiel, läge immer noch ungefähr 150 Euro unter seinen aktuellen Mobilitätskosten.
Claudia sieht es.
Den Moment, wo er aufhört zu verteidigen und anfängt zu denken. Genau das hatte sie immer an ihm gemocht. Nicht die große Geste. Nicht das laute Wort. Sondern dieses stille Umschalten, wenn Fakten schwerer wiegen als Gewohnheit.
Das war immer der Moment, in dem Manfred aufhörte zu diskutieren und einfach begann, Lösungen zu bauen, bevor sie Ideen gänzlich aussprechen konnte.
Sie bewunderte das. Schon immer.
Claudia pickt noch die restlichen Schokoteilchen aus seinem Eis und sagt nichts.
Lautlos fährt ein Radfahrer mit seinem E-Bike an der Fußgängerzone vorbei.
Ein Bus hält an der Haltestelle. Seit einigen Monaten fahren die neuen E-Busse durch die Stadt.
Früher konnte man auch direkt vor der Eisdiele mit dem Auto parken. Es war schön, die saubere Karre beim kühlen Eis anzuschauen.
Manfred schaut schweigend auf sein Eis. Mittlerweile nur noch weiße Soße auf dem Teller.
Claudia war’s – wie früher.
Plötzlich fühlt sich Sparen nicht mehr nach Verzicht an.
Eher nach Mathematik.
Und vielleicht auch ein bisschen nach Zukunft.
Am Ende nimmt Manfred den mittleren Stromer. Das kleine SUV, das Claudia beim Konfigurieren mit ausgesucht hatte, beiläufig, zwischen vielen anderen Gesprächen, als wäre es selbstverständlich.
In Weiß, mit schwarzen Applikationen.
Stracciatella halt.
Vermutlich war genau diese Mischung schon immer ihre heimliche Stärke.
Sie wissen beide:
Eis braucht Rohstoffe. Verpackungen. Kühlung. Transport.
Doch Deutschland diskutiert lieber darüber, wie man Rohöl möglichst billig verbrennen kann, statt darüber, wofür man es vielleicht besser aufheben sollte.
Rohöl ist nicht einfach nur Treibstoff. Es steckt in Medikamenten, Kunststoffen, Dämmstoffen, Elektronik, Schmierstoffen und unzähligen industriellen Prozessen.
Ein technologisch hochentwickeltes Land müsste eigentlich alles daransetzen, diesen Rohstoff möglichst intelligent einzusetzen.
Doch stattdessen führen wir Debatten, als wäre billiger Sprit eine Art Grundrecht. Sobald Benzin teuer wird, reden wir über Entlastungen. Über Tankrabatte. Über Pendlerpauschalen. Über Preisbremsen.
Was man dagegen erstaunlich selten hört:
Wie man Verbrauch senken könnte. Wie man den Umstieg erleichtert. Wie Mietshäuser endlich vernünftig Ladeinfrastruktur bekommen. Wie man Mobilität effizienter machen könnte, statt nur ihre Symptome billiger.
Deutschland subventioniert oft lieber die Belastung, statt die Ursache zu reduzieren.
Natürlich ist das Thema komplizierter. Nicht jede Person kann einfach umsteigen. Nicht jede Region hat gute Infrastruktur. Nicht jedes Einkommen erlaubt spontane Veränderungen.
Aber genau deshalb wäre es Aufgabe von Politik, Industrie und Gesellschaft, funktionierende Übergänge zu schaffen, statt nostalgisch an einem Zustand festzuhalten, der langfristig immer teurer wird.
Vielleicht ist genau das der unangenehme Kern dieser Debatte:
Nicht der Wandel macht uns nervös.
Es ist die Erkenntnis, dass unsere bisherige Art zu leben möglicherweise nie dauerhaft so billig war, wie wir glaubten.
Epilog
Claudia und Manfred fahren inzwischen gerne mit ihren E-Bikes zur Eisdiele. Natürlich direkt davor, damit sie sie sehen können.
Sie haben die Bikes mechanisch und elektronisch gepimpt. Er ein Fully mit 160-er Feder und einfachem Remoteschalter, sie ein SUV-Bike mit e-Shift und 2 digitalen Displays. Zum Fahren zwar nicht unbedingt nötig, aber es machte beiden immer noch Spaß.
Statt Fähnchen ziert jetzt ein winziger Aufkleber beide Bikes:
„Eisdielenbike“.
Er fährt schwarz mit weißem Aufkleber, sie weiß mit schwarzem Aufkleber. Sie schwarzen Helm, er …
…ihr wisst es vermutlich schon, oder?
Stracciatella halt.

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