Es ist ein faszinierendes Schauspiel.
Der ADAC veröffentlicht seine Pannenstatistik, und plötzlich haben sehr viele Menschen eine ziemlich klare Meinung dazu.
Voltheads lesen:
„E-Autos haben weniger Pannen“
und hören:
„E-Autos sind die besseren Autos.“
Petrolheads lesen denselben Satz
und hören:
„Kann gar nicht sein.“
„Mein 20 Jahre alter XY läuft immer noch.“
Und irgendwo dazwischen steht die Statistik gelangweilt am Straßenrand.
Was der ADAC tatsächlich misst, ist, fast schon enttäuschend, unspektakulär:
Wie oft ein Auto liegen bleibt.
Nicht mehr und nicht weniger.
Keine Aussage über Lebensdauer. Keine Aussage über Reparaturkosten. Keine Aussage darüber, ob ein Motor nach 180.000 Kilometern aufgibt oder ein Akku das Budget neu sortiert.
Nur eine einzige Frage:
Bleibt das Auto stehen oder nicht?
Aus diesem schlichten Umstand wird dann erstaunlich zuverlässig ein vollständiges Weltbild gedengelt. Ein paar Daten, ein Bauchgefühl, eine Prise Haltung, und schon steht die fertige Wahrheit frischgewachst in der Tiefgarage des Internets.
Da wird die eigene Erfahrung zur Referenz erklärt:
„Mein Auto lief 20 Jahre problemlos.“
Als wäre Statistik eine persönliche Beleidigung. Oder sie wird vorsorglich entsorgt mit:
„Traue keiner Statistik…“
Ein immer gern genommener Brülljoker. Aber warum funktioniert er so zuverlässig?
Weil er das Richtige in der falschen Reihenfolge tut. Erst kommt die Haltung, dann kommt das Argument.
Das Misstrauen gegenüber der Statistik entsteht nicht aus einer nüchternen Methodenkritik, sondern weil das Ergebnis nicht passt.
Wäre die Statistik günstig ausgefallen, hätte niemand nach der Stichprobengröße gefragt.
Das nennt sich Motivated Reasoning, also das rückwärtige Bauen von Argumenten zu einer bereits feststehenden Schlussfolgerung. Wie eine Abgasrückführung, die vollständig verbrannte Luft in den Denkraum reinbläst.
Das ist keine Schwäche von ein paar besonders sturköpfigen Menschen. Es ist die Standardeinstellung. Die Frage ist nur, ob man das von sich weiß oder nicht.
Und wieder andere machen aus weniger Liegenbleibern automatisch die technische Überlegenheit einer ganzen Antriebstechnologie.
Es ist, als würde aus der Information
„Dieser Mensch stolpert seltener“
abgeleitet, dass er gesünder, klüger und insgesamt die bessere Wahl ist.
Kann sein. Muss aber nicht.
Die eigentliche Ironie dabei:
Die Statistik selbst ist erstaunlich zurückhaltend. Sie sagt genau das, was sie misst. Und sonst nichts. Alles Weitere passiert danach, in den Köpfen, und zwar mit bemerkenswerter Geschwindigkeit.
Ein Gang zurück, und es wird interessant.
Die häufigste Pannenursache ist bei beiden Lagern identisch:
die banale 12-Volt-Starterbatterie.
Beim Verbrenner seit Jahrzehnten der unangefochtene Pannenfürst.
Beim E-Auto wirkt ihr Versagen fast schon parodistisch. Man hat 80 kWh Energie im Unterboden, genug, um ein Haus tagelang zu versorgen, und bleibt dennoch am Straßenrand stehen, weil die Software vergessen hat, die kleine 12-Volt-Batterie nachzuladen.
Das E-Auto stirbt keinen mechanischen Tod. Es verhungert vor einem vollen Kühlschrank, weil es den Schlüssel zur Tür nicht findet.
Eine leere Starterbatterie reicht völlig. Das Auto bleibt stehen, obwohl der eigentliche Antrieb bereit wäre.
Trotzdem: Im Gegensatz zur Vergangenheit lässt sich durchaus eine gewisse Zuverlässigkeit des jeweiligen Antriebstrangs erkennen.
Wenn man will.
Man will aber nicht.
Denn es würde bedeuten, genauer hinzuschauen. Die eigenen Prämissen zu befragen. Erst nachzudenken, dann loszubrüllen.
Und das ist unbequem. Nicht, weil die Menschen dumm sind, sondern weil das Gehirn Energie spart, wo es kann. Eine bestätigte Überzeugung kostet weniger als eine revidierte.
So gesehen ist die 12-Volt-Batterie eine Art Spiegel. Sie zeigt nicht, welche Antriebstechnologie besser ist. Sie zeigt, wie zuverlässig manche Menschen darin sind, aus einer einzigen Zahl genau das herauszulesen, was sie schon vorher dachten.
Kennen wir alle, oder?
Von anderen, gell … und wenn sie ihre gedanklichen Rekuperationen in den Kurzschluss noch mitteilen, müssen sie ja irgendwie doof sein …
Oder?
Die Statistik steht übrigens immer noch am Straßenrand. Unbeeindruckt. Und wartet darauf, dass jemand anhält.
Ich habe auch nicht angehalten, ihr nur höflich gehupt und habe dabei übersehen, dass ich selbst einen kapitalen Platten hatte.
Bin wohl in die Scherben meiner selbstgefälligen Arroganz gefahren …
Läuft. Oder?
Ich rufe jetzt mal den Abschleppdienst.

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