Angenehme Dunkelheit

Dieser aktuelle Text ist auch die Fortsetzung einer Chronotrilodramalogie:

Clipping des Egos

Die spinnen alle – ich auch?



Es ist viel passiert.

Und es passiert weiterhin täglich:

Gesellschaftspolitische Spannungen.
Klimapolitische Zielkonflikte.
Parteien, die um sich selbst kreisen.
Politiker mit Allmachtfantasien.

Kriege.

Kapitulation der Vernunft vor der eigenen Ohnmacht

Der im verlinkten Text beschriebene Mehltau ist deutlich sichtbar – alles scheint gelähmt, trotz Lautheit vieler.

Hello? …*

Dazu gehören natürlich die üblichen emotionalen Debatten. Geführt aus allen politischen und unpolitischen Richtungen, die mehr einem Ablaufritual folgen als echten gedanklichen Auseinandersetzungen. Das zum Teil aufdringlich zur Schau gestellte eindimensionale Denken ermüdet und das inflationäre „Atmen“  wirkt zunehmend wie gelernt, nicht wie erlebt.

Öle der Ideologiebäume mögen vielleicht den Abgang erleichtern, aber sie blähen den Magen. Und das Anzünden von Räucherstäbchen der Selbstbeweihräucherung von glatt polierten Egos – da möchte ich nicht mitmachen, denn das macht die Luft nur noch stickiger.

Is there anybody out there? …*

Perfekte Antworten auf die aktuellen Probleme habe ich auch keine, nur Haltung. Aber vielleicht eine gewisse Art der Sprache dafür. Also ein Angebot, aus der lautstarken Sprachlosigkeit leise einen Ausweg zu finden. Wenn mich mein Gefühl nicht täuscht, geht’s einigen Menschen da draußen genauso.

Just nod if you can hear me …*

Is there anyone home? …*

Phänomenologie der demokratischen Überforderung

Bei uns in Deutschland stehen 2026 viele Wahlen an.

Ich muss wählen. Ich darf wählen.

Also wähle ich. Es ist ja auch meine demokratische Pflicht.

Soweit so fein.

Wir alle dürfen wählen.

Aber was eigentlich?

I hear you′re feeling down …*

Auf die Frage, was ich wähle, antworte ich gerne:

„Ich wähle die, die sich am wenigsten leisten, Realität zu verdrängen. Die Wissenschaft nicht als Meinung abtun. Die Physik nicht verprügeln – und dann behaupten, sie habe angefangen.“

Das klingt doch klar, oder?

Ist es aber leider gar nicht …

Synapsenkarussell

Ein Gedanke lässt mich nicht los. Wenn ich all das ernst nehme – die Verschiebung von Realität, die Erschöpfung, die eigene Unsicherheit – was bedeutet das für meine Entscheidung?

Als pflichtbewusster Bürger?

Abwägen in Prozent

I’ll need some information first …*

Ich hätte es gerne eindeutig. Das bekomme ich aber nicht geliefert. Also rechne ich. Nicht sauber, auch nicht objektiv. Eher so, wie man rechnet, wenn man weiß, dass die Rechnung nie aufgeht.

Ich vergebe Pluspunkte und ziehe sie wieder ab.

Just the basic facts …*

Wissenschaftliche Anschlussfähigkeit.
Nähe zur Verfassung.
Realitätsbezug.
Umgang mit Menschen.
Und dann wieder Zweifel.
Widersprüche.
Politische Praxis.

Das Ergebnis ist eine innere Bilanz, die sich ständig verschiebt. Eine Entscheidung auf wackligem Fundament. Es funktioniert – bis zu dem Punkt, an dem es nicht mehr trägt. Weil es Dinge gibt, die sich nicht mehr verrechnen lassen.

Keine 70 Prozent.
Keine 30 Prozent.

Irgendwo und irgendwann entsteht ein oszillierender Punkt, an dem ich aufhöre, zu rechnen.

Ich kann mit Unsicherheit leben. Mit Fehlern. Auch weiß ich, Kompromisse gehören in der Demokratie dazu.

Was ich nicht akzeptiere: Wenn Realität bewusst verzerrt wird. Wenn überprüfbare Tatsachen zu Meinungen erklärt werden. Wenn Politik beginnt, sich von der Wirklichkeit zu entkoppeln.

Dann noch etwas: Wenn Menschen nicht mehr als Menschen gesehen werden. Sondern als Problem. Als Belastung. Als bloße Zahl.

Ab diesem Punkt wird aus Politik etwas anderes. Und ab diesem Punkt bin ich dann auch raus.

Dachte ich.

Just a little pinprick …*

Vom Großen ins Kleine

Ich dachte lange, diese Grenzen betreffen vor allem die große Politik. Die Debatten, die man aus der Distanz verfolgt. Das stimmt nicht. Sie sind längst im Alltag angekommen. Wenn das Konkrete verloren geht. Auch dort, wo Politik eigentlich konkret sein müsste.

In der Stadt.
Im Dorf.
Vor Ort.

Wenn im Dorf nicht mehr über die Sanierung der Brücke gesprochen wird, sondern darüber, was die Brücke „symbolisiert“, findet keine Politik mehr statt, sondern nur noch Identitätsmanagement. Wer nur noch Haltung zeigt, ist von der Last befreit, Lösungen zu bauen. Es ist die Flucht vor der Kärrnerarbeit der Realität in die Bequemlichkeit des Ressentiments.

Ich erlebe dann Diskussionen, die sich vom Problem lösen. Es geht nicht mehr darum, wie etwas für Bürger:innen funktioniert, sondern darum, wofür es ideologisch steht. Argumente wirken übernommen und nicht entstanden.

Das hat einen weiteren Vorteil:

Man muss das Problem nicht mehr lösen – nur noch darüber reden.

Ausweichen statt handeln

Probleme werden eingeordnet. Verantwortung wird verschoben.
Konflikte werden reproduziert. Es wird meist viel gesprochen und erstaunlich wenig erledigt.

Dennoch: Ich will mich nicht mit allem beschäftigen. Ich kann es gar nicht, ich habe auch nicht immer die Zeit dafür. Es wird oftmals nur dringend, wenn ich selbst davon betroffen bin.

Der unangenehme Moment

Und dann kommt der Punkt, an dem ich merke:

Ich bin nicht besser.

But you may feel a little sick …*

Ich merke, wie ich mich in einer Welt bewege, der ich zustimme. Die mir zustimmt. Und wie leicht ich beginne, das für Realität zu halten.

Zum Beispiel in der Migrationsdebatte. Wenn Komplexität sich auflädt. Wenn es unübersichtlich wird. Dann entsteht in mir etwas sehr Einfaches:

Der Wunsch, dass es aufhört. Dass es klar wird. Dass es begrenzt wird. Trotzdem, ich will, dass wir Menschlichkeit walten lassen. Ich will mich darauf verlassen können, dass gewählte Politiker dies auch so umsetzen.

Dabei merke ich, wie es selbst in mir erodiert. Und wenn ich das Licht in mir anmache, sehe ich ihn …

den Mehltau.

Comfortably Numb …*

Meine Flucht in die Ethik wirkt dann selbst wie ein Sedativum. Es vernebelt den Blick auf Lebensrealitäten, die davon betroffen sind, und es lähmt das notwendige Ringen um vielleicht harte Lösungen.

Haltung wird manchmal als Ausrede genutzt, um keine Verantwortung für die Realität mehr zu übernehmen. Flucht in Moral ist oft nur der Versuch, sich die Hände nicht an der Unvollkommenheit der Welt schmutzig zu machen.

Aber ich sehe auch, dass Migration und Zuwanderung längst Normalität sind – und gleichzeitig politisch jahrzehntelang behandelt wurden, als wären sie es nicht. Dass wir weiterhin Migration brauchen.

Diese Unehrlichkeiten in Debatten machen mich manchmal wütend.

The child is grown, the dream is gone ...*

Und plötzlich ist er da, der Satz:

„Die da oben!“

Stark? Nein. Bequem.

Der eigentliche Bruch

Genau hier wird es gefährlich.
Natürlich nicht, weil dieser Satz neu wäre. Er ist nur ein Werkzeug der Selbstentmündigung. Der ultimative Denkstopp. Wenn die Komplexität zu laut wird, schaltet dieser Satz das Licht aus, damit man die Unordnung im Raum nicht mehr sehen muss.

Und der Satz funktioniert erstaunlich verlässlich. Weil er auch mich entlastet.
Weil Dunkelheit im Denken Komplexität reduziert. Und weil er mich anschlussfähig macht. Für Erzählungen, die keine Lösungen brauchen.

Das bekommt schnell Beifall. Auch den falschen Beifall.

Das Scheitern der politischen Buchhaltung

Wenn ich ehrlich bin:

Ich treffe keine saubere Entscheidung. Ich treffe eine unter Unsicherheit.
Unter Druck. Mit vielen Restzweifeln.

Und vielleicht ist genau das kein Problem, sondern die einzige ehrliche Ausgangslage.

Ich merke, dass ich damit auch bewusst in Kauf nehme, falsch zu wählen.

Klingt komisch? Nein, es ist bitterer Ernst.

Shut Down in 3 Akten

Die Falle:

Wir neigen dazu, diejenige politische Strömung als „realistisch“ wahrzunehmen, die unsere eigenen Prioritäten teilt.

Der Widerspruch:

Wer die Physik (Klima) achtet, ignoriert manchmal die Soziologie (Akzeptanz im ländlichen Raum). Wer die Ökonomie (Wettbewerbsfähigkeit) betont, ignoriert oft die biologischen Grenzen des Planeten.

Die Konsequenz:

Es gibt keine Partei der „reinen Realität“. Es gibt nur Parteien, die unterschiedliche Ausschnitte der Realität priorisieren.

Die Wahl ist also keine Suche nach der Wahrheit. Sondern ein ständiger Entscheidungskampf darüber, welcher Irrtum momentan der gefährlichere ist.

Und genau hier hört es auf, bequem zu sein. Denn diese Entscheidung lässt sich nicht delegieren.

Sie bleibt bei mir. Sie bleibt bei uns …

Die eigentliche Zumutung

Die eigentliche Zumutung liegt nicht in der Wahl, sondern darin, sich nicht rauszureden. Nicht in Zynismus. Nicht in Vereinfachung und keinesfalls in Menschenverachtung.

Keine Auflösung

Ich habe keine endgültige Antwort.

Was bleibt, ist Unruhe.

Ich weiß nicht, ob meine Entscheidungen richtig sind.

Trotzdem.

Ich wähle.

There is no pain, you are receding …*


*Comfortably Numb – Pink Floyd

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