Die spinnen alle – ich auch?

Lethargie der Alternativlosigkeit

Es wird wieder über Kürzungen von Sozialleistungen gesprochen. Das Renteneintrittsalter soll steigen, Leistungen der Arbeitslosenversicherung und Gesundheitsleistungen stehen zur Disposition.

Die Argumente von einem Teil der Eliten klingen vertraut:

Sachzwang, Notwendigkeit und Verantwortung.

Wie immer also

Seit Jahrzehnten werden vertagte politische Entscheidungen als neue Unausweichlichkeit präsentiert. Der Preis früherer Versäumnisse erscheint regelmäßig als Rechnung an die Bevölkerung.

In der Energiepolitik zeigt sich ein ähnliches Muster. Statt konsequenter Transformation dominieren Rückgriffe auf vermeintliche Sicherheiten. Fossile Sicherheiten, von denen man seit Jahrzehnten weiß, dass sie schädlich sein werden – und tatsächlich schädlich sind. Dass sie uns Leben, Gesundheit und Milliarden an Geld kosten.

Die Debatte wirkt weniger wie ein Ringen um Zukunftsfähigkeit als wie die Verwaltung von Übergangszuständen. Milliarden werden bewegt, Strategien angepasst, Prioritäten verschoben – und doch bleibt das Gefühl, dass die eigentliche Richtung mindestens unklar ist. Dass sie sich nach populistischen Strömungen richtet.

Politisches Gaslighting

Was mich dabei besonders irritiert, sind nicht bloß politische Fehlentscheidungen.

Es ist etwas Grundsätzlicheres: Wenn überprüfbare Tatsachen relativiert werden. Wenn physikalische, ökologische oder empirische Grundlagen in politische Meinungsangebote überführt werden.

Über Prioritäten kann man natürlich streiten, aber über Naturgesetze nicht. Sie sind unausweichlich.

Wenn politische Debatten beginnen, die Grenzen der physischen Realität als verhandelbar darzustellen, entsteht beim Beobachter ein eigentümliches Gefühl – etwas, das an Gaslighting erinnert.

Freilich nicht im psychologischen Nahbereich, sondern im öffentlichen Diskurs: Die gemeinsame Wirklichkeitsbasis scheint zu verrutschen.

Man beginnt dann nicht an der Physik zu zweifeln, sondern an der Ernsthaftigkeit derer, die sie ignorieren.

Und damit entsteht unweigerlich ein Spannungsfeld zwischen eigener Diskursfähigkeit und polemischer Reaktion.

Wer sich weigert, so zu tun, als seien Naturgesetze verhandelbar, schützt damit nur seine eigene psychische Integrität. Es ist der Versuch, in einer absurden Kommunikation nicht selbst den Verstand zu verlieren.

Intellektuelle Notwehr

Damit beginnt ein gefährlicher Mechanismus: Bürger und Bürgerinnen investieren kognitive Energie, gleichen Fakten ab und stoßen auf eine politische Kommunikation, die diese ignoriert oder aktiv sabotiert.

Das Resultat: Die Resignation ist keine Ignoranz, sondern ein Schutz vor einer absurden Kommunikation, die Fakten sichtbar ignoriert.

Fast zwangsläufig rutscht einem dann ein Satz heraus:

Die spinnen alle!

Er kommt nicht als Ausbruch, eher als Seufzer. Früher hätte ich ihn mir verboten – zu pauschal, zu bequem, zu nah am Zynismus, und heute rutscht er durch, fast unbemerkt.

Wenn ich mich dabei ertappe, folgt kurz darauf die zweite Frage:

Spinne ich auch?

Bin ich damit schon Teil des Problems?

Denn so einfach ist es nicht. Und doch wirkt vieles widersprüchlich, überdreht, realitätsfern. Politische Debatten erscheinen nicht mehr als ernsthafte Problemlösungsversuche, sondern als ritualisierte Erregungszyklen. Schlagzeilen jagen Schlagzeilen und Positionen verhärten sich.

Die grundlegenden Fragen bleiben.

Es ist, als hätte sich ein feiner Belag über alles gelegt.

Kein Knall.
Kein offener Bruch.

Etwas Schleichendes …

Die Welt im Mehltau des Populismus

Mehltau zerstört nicht durch Explosion. Er legt sich über Flächen. Erst wirkt alles nur etwas blasser. Harmlos. Doch darunter verliert die Pflanze an Kraft. So fühlt sich der politische Raum derzeit an. Alles ist benannt, kommentiert, moralisch aufgeladen – und zugleich erstaunlich kraftlos.

Begriffe werden lauter, Inhalte nicht zwingend klarer. Komplexität wird reduziert, damit sie sendefähig bleibt.

In dieser Atmosphäre entsteht Politikverdrossenheit. Nicht als Ideologie, sondern als Reaktion. Als Erschöpfung. Als Gefühl, ständig adressiert zu sein, aber selten gemeint. Mitreden zu dürfen, ohne wirklich zu wirken.

Politikverdrossenheit ist kein Desinteresse, sie ist ein Übermaß an enttäuschter Aufmerksamkeit.

Und genau hier setzen jene Kräfte an, die aus dieser Müdigkeit Kapital schlagen. Sie greifen das Gefühl der Entfremdung auf und verstärken es.

Freilich nicht mit differenzierten Konzepten, sondern mit Zuspitzung. Nicht mit Reparatur, sondern mit Konfrontation. Ihr eigentliches Versprechen lautet nicht:

Es wird besser.

Sondern: Dein Unbehagen ist berechtigt.

Und das wirkt.

Wer sich lange nicht ernst genommen fühlt, will zunächst verstanden werden. Dass einfache Antworten selten tragfähig sind, tritt dabei in den Hintergrund.

Realitätszynismus

Hier beginnt das, was man Realitätszynismus nennen könnte.
Er bedeutet nicht Gleichgültigkeit. Im Gegenteil. Er setzt ein Bewusstsein für die Komplexität der Lage voraus. Man weiß um Risiken, um Nebenwirkungen, um mögliche Schäden und entscheidet sich dennoch für das Zuspitzende, Vereinfachende, manchmal sogar für das Destruktive. Nicht aus Unwissenheit, sondern aus Enttäuschung.

Wenn schon keine überzeugende Lösung erkennbar ist, dann wenigstens ein Bruch mit dem Bestehenden. Wenn schon keine Perspektive, dann wenigstens das Gefühl, nicht länger mitzuspielen.

Wir wissen also um die Komplexität, entscheiden uns aber für das Destruktive, weil die Zerstörung des Status quo das einzige verfügbare Mittel der Selbstwirksamkeit zu sein scheint.

Psychologisch ist das nachvollziehbar.

Politisch und für die Zukunft ist es höchst riskant.

Realitätszynismus nährt genau das Klima, aus dem er hervorgeht. Enttäuschung legitimiert weitere Enttäuschung. Misstrauen stabilisiert sich selbst. Vertrauen wird nicht repariert, sondern weiter erodiert. Ein Kreislauf entsteht, in dem Empörung zur verlässlichsten Konstante wird.

Dieser Zynismus bestätigt somit die populistische Erzählung, dass ohnehin alles verloren und korrupt sei, und bereitet so den Boden für noch radikalere Vereinfachungen.

Bemerkenswert ist dabei, dass große Teile der Bevölkerung diese Mechanismen mittragen, indem sie entsprechende politische Angebote wählen.

Plädoyer für die Grautöne in einer Welt aus Schwarz und Weiß

An diesem Punkt kommt mein Satz wieder ins Spiel:

Die spinnen alle!

Was mache ich da eigentlich?

Vielleicht ist es weniger Analyse als ein Schutzmechanismus. Wer pauschalisiert, muss auch nicht mehr differenzieren. Wer alles für absurd erklärt, schützt sich vor permanenter Betroffenheit. Der Satz entlastet vielleicht kurzfristig. Langfristig hat er allerdings einen Preis. Er untergräbt die Fähigkeit zur Unterscheidung.

Natürlich ist nicht alles falsch – und schon gar nicht alles gleich. Aber im Mehltau der Dauererregung verschwimmen die Konturen. Skepsis wird zu Müdigkeit und konstruktive Kritik zu Generalverdacht. Zwischen Zynismus und verhärteter Haltung bleibt ein schmaler Raum.

Vielleicht untergräbt nicht der laute Knall die Demokratie, sondern die leise Erschöpfung …

Vielleicht hilft auch etwas Unspektakuläreres: die Bereitschaft, Grautöne auszuhalten. Klar zu benennen, was problematisch ist, ohne alles zu verwerfen.

Betroffen zu bleiben, ohne sich aufzureiben, wäre eine brauchbare Lösung. Aber genau das ist der wahrscheinlich schwierigste Part.

Ich merke es an mir selbst, denn dieser Text war zunächst polemischer, moralischer – und genau damit wäre ich ein weiteres Hütchen im Mensch-ärgere-dich-doch-Spiel. Ich will einfach nicht mitverantwortlich sein, wenn falsche politische Entscheidungen unsere Zukunft verdunkeln. Mir diese Schuhe einfach nicht anziehen.

Genau deshalb muss ich wohl Barfuß weiterlaufen.

Ich verzichte damit auf das dicke Fell des Zynismus, um den Kontakt zum Boden der Realität nicht zu verlieren. Barfuß spürt man die Steine, aber man tritt auch keine Fakten platt. Es ist die bewusste Entscheidung für eine mühsame, aber ehrliche Fortbewegung jenseits der ausgetretenen Pfade der Empörungsrituale.

Ok, ich bin ehrlich. Ich gehe in Sandalen weiter. Ein wenig Selbstschutz sollte sein und ist legitim.

Ich weiß nicht, ob das reicht. Vermutlich nicht, um Strukturen grundlegend zu verändern. Aber vielleicht reicht es, um sich selbst nicht vollständig zu verlieren.

Und angesichts des Mehltaus ist auch das nicht nichts.

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