Mit unvollkommener Technologie besser werden
Vorwort
In mehreren Texten habe ich mich bereits ausführlich mit E-Autos beschäftigt. Daraus ist fast eine Art elektrische Reise geworden. Wer mag, hier die Stationen dieser kleinen Tour:
Der Protest gegen saubere Luft
Phobia Culturae Digitalis
Die unsichtbare Tankfüllung
Akkubrand – Weinbrand – Gehirnbrand
The Peak Power Hype
Euro 7 – Das stille Ende
Das Pedal und die Stille
Diese Beiträge zu lesen ist kein Muss für diesen Text hier, aber vielleicht konnten und können sie andere Blickwinkel öffnen oder unnötige Schärfe aus der Debatte nehmen.
Unabhängig davon machen diese Texte deutlich, dass ich den Mobilitätswandel befürworte. Einen Wandel, der ohnehin kommt – mit oder ohne uns. Das zur Klarheit, damit nachvollziehbar ist, von welchem Standpunkt aus ich hier schreibe.
Gebrauchsanleitung zum Denkraum
Mein Standpunkt in diesem Artikel mag hart erscheinen. Er ist jedoch aus logischen Konsequenzen entstanden:
– Beachtung wissenschaftlicher Erkenntnisse
– physikalischer Grundsätze
– und der Anerkennung verbindlicher Schadstoffgrenzen
Wo diese Grundlagen geleugnet oder relativiert werden, existiert keine gemeinsame Diskussionsbasis. Dieser Text richtet sich daher an Leserinnen und Leser, die diese Erkenntnisse und die daraus resultierenden Probleme als Ausgangspunkt akzeptieren.
Das ist keine soziale Ausgrenzung, sondern eine notwendige epistemische Grenzziehung. Sie dient nicht der Verengung, sondern dem Schutz produktiver Denkräume – insbesondere der Frage:
Wie lösen wir die Probleme?
–
Was mir bislang in den oben aufgeführten Texten gefehlt hat, ist ein wichtiger Punkt, vor dem man sich bei aller technischen Faszination nicht drücken sollte. Denn eine Sache halte ich für zentral:
E-Autos sind keine Heiligenscheine auf Rädern.
Es ist einfach so.
Punkt.
Deshalb müssen wir genauer hinschauen. Es nutzt nichts, reflexhaft die negativen Eigenschaften von Verbrennern aufzuzählen oder akribisch Pro-und-Contra-Listen abzuarbeiten. Auch Stromer haben ihre Päckchen zu tragen.
Das ist zunächst Physik. Aber es geht ebenso um Erkenntnisse aus der Klima- und Umweltforschung. Die Dilemmata lassen sich auch nicht elegant schönreden, schon gar nicht durch Verschweigen oder Wegschreien.
Aber daraus ergibt sich etwas Interessantes, das in der lähmenden Schwarz-Weiß-Prügelei oft untergeht.
Lernender Pragmatismus
Fortschritt kommt selten leise, nie sauber und fast immer mit einem Beipackzettel, den man erst liest, wenn die Nebenwirkungen nicht mehr zu übersehen sind.
Trotzdem tun wir gern so, als müsse eine Lösung perfekt sein, bevor wir sie überhaupt anfassen dürfen. Als wäre jede Unvollkommenheit ein moralisches K.-o.-Kriterium. Das ist bequem und gefährlich.
Zwischen blindem Technikglauben und moralischer Totalverweigerung klafft ein Raum, den wir zu selten betreten:
der Raum des lernenden Pragmatismus.
Lernender Pragmatismus heißt nicht, Probleme zu akzeptieren. Er heißt, sie nicht länger zu vertagen. Nicht auf Perfektion zu warten, sondern auf Korrekturfähigkeit zu setzen. Genau dort entscheidet sich, ob Fortschritt korrigierbar bleibt – oder erst Jahrzehnte später als Katastrophe begriffen wird.
Die lange Blindheit des Verbrenners
Der Verbrennungsmotor ist kein Bösewicht. Aber er ist auch kein Opfer.
Er war ein Zeitzeuge und für viele ein Wegbegleiter. Wegbegleiter, die Jahrzehnte dabei waren, Existenzen sicherten, Orientierung boten. Solche Begleiter tritt man nicht einfach so in den Hintern. Über hundert Jahre wurde er gebaut, genutzt, optimiert und geliebt.
Die Rechnung kam später. CO₂, Stickoxide, systematische Täuschungen, Feinstaub, geopolitische Abhängigkeiten – all das war lange kein Thema, weil es keines sein sollte. Man hat es nicht gesehen oder nicht sehen wollen.
Heute stehen wir faktisch vor dem Zerfall dieser Strukturen und stöhnen über Kosten des Wandels, den Verlust von Arbeitsplätzen, abnehmende Wirtschaftsleistung und steigende Kosten für die Allgemeinheit.
Das Entscheidende ist aber nicht der moralische Vorwurf, den man daraus ableiten könnte, sondern die Struktur:
Technologie kam zuerst. Erkenntnis folgte später. Korrektur kam – wenn überhaupt – sehr spät und meist erst unter teurem Zwang.
Der Verbrenner wurde nicht problematisch, weil er genutzt wurde, sondern weil seine Folgen systematisch unsichtbar blieben oder unsichtbar gemacht wurden.
Wissen vor der Skalierung
Beim E-Auto ist die Reihenfolge eine andere. Niemand kann heute ernsthaft behaupten, die Schattenseiten seien unbekannt. Lithium, Kobalt, seltene Erden, problematische Lieferketten, ökologische und soziale Kosten – all das liegt offen auf dem Tisch, bevor die Technologie den Massenmarkt vollständig durchdrungen hat.
Das macht das E-Auto nicht moralisch überlegen. Aber es macht etwas Entscheidendes anders:
Die Fehler sind jetzt schon sichtbar, benennbar, angreifbar – und damit überhaupt erst bestmöglich lösbar.
Transparente Rechnung
Es wird niemals gelingen, Mobilität vollständig umweltverträglich zu gestalten. Ebenso wenig existieren Zustände wie „klimafreundlich“ oder „klimaneutral“.
Das gibt es nicht.
Es sind Trugbilder.
Vielleicht sogar grüne Schimären – als Zielbilder verständlich, als Zustandsbeschreibung jedoch unhaltbar.
Alles hat einen Preis.
Aber wir können entscheiden – oder zumindest mitwirken –, wie hoch die Rechnung ausfällt. Transparenz ist keine Entschuldigung, sie ist die Voraussetzung für Korrektur.
Technologieoffenheit – diesmal unideologisch
Zum ersten Mal skalieren wir eine Technologie, während wir ihre Nachteile bereits auf dem Schirm präsentiert bekommen..
Das ist kein Fortschrittsjubel. Aber es ist eine verdammt seltene Konstellation.
Ich würde fast so weit gehen und behaupten, dass das E-Auto in diesem Punkt eine der ersten bewusst entwickelten Technologien der Menschheitsgeschichte ist, während wir ihre Bruchstellen bereits kennen – ökologisch, sozial und ökonomisch.
Nutzung vor Perfektion
Hier wird es unbequem. Denn viele Probleme lassen sich nicht lösen, solange sie nur theoretisch existieren. Recycling, Kreislaufwirtschaft, Urban Mining, materialärmere Batterien – all das entsteht nicht im moralisch reinen Raum, sondern dort, wo Nutzung stattfindet.
Ohne eine kritische Masse an Akkus gibt es keinen wirtschaftlichen Anreiz, sie effizient wiederzuverwerten. Ohne reale Nachfrage bleiben Lösungen Laborideen.
Die Forderung nach Perfektion vor Nutzung klingt moralisch, wirkt aber oft wie eine Innovationsbremse.
Das heißt nicht, Probleme zu ignorieren. Im Gegenteil. Aber man muss sie bearbeiten können – statt sie als Totschlagargument gegen jede Bewegung zu benutzen.
Dynamik statt Endzustand
Ein Verbrenner bleibt ein Verbrenner.
Mit jedem Kilometer wird er nicht besser, sondern verschleißt. Seine Emissionen sind fest in sein Prinzip eingeschrieben.
Ein E-Auto hingegen verändert seinen ökologischen Fußabdruck über die Zeit. Nicht aus eigener Tugend, sondern weil sein Kontext veränderbar ist. Der Strommix wird sauberer, Batterietechnologien kommen ohne Kobalt aus, Recyclingquoten steigen, Materialkreisläufe schließen sich langsam.
Das E-Auto ist kein sauberer Zustand. Es ist ein dynamisches System. Es wird nicht gut, weil wir es feiern, sondern weil wir es weiterentwickeln.
Fortschritt als Lernfähigkeit
Der eigentliche Unterschied liegt nicht in der Technik, sondern in der Haltung.
Fortschritt heißt nicht, fehlerfrei zu sein.
Fortschritt heißt, Fehler sehen zu können – und sie korrigierbar zu halten.
Gesellschaften scheitern selten an Problemen. Sie scheitern daran, Probleme zu verdrängen oder aus moralischer Überforderung gar nicht erst anzufassen.
Die Alternative zum unvollkommenen Fortschritt ist nicht die reine Lösung, sondern der Stillstand. Und Stillstand konserviert bestehende Schäden erstaunlich zuverlässig.
Der ehrliche Fortschritt
Wir wählen das E-Auto nicht, weil es perfekt ist. Wir wählen es, weil seine Probleme lösbar sind, kreislauffähig, sichtbar. Weil es uns zwingt, Verantwortung früher zu übernehmen – statt sie an kommende Generationen auszulagern.
Das ist kein Heilsversprechen.
Keine Erlösung. Es ist eine Wette auf Lernfähigkeit statt Reinheit. Auf Korrektur statt Verdrängung. Auf den Mut, anzufangen, obwohl noch nicht alles stimmt.
Probleme als Chance
Probleme zu sehen und transparent an Lösungen zu arbeiten, ist kein Makel. Es ist ein Standortvorteil. Wer neue Technologien zerredet, um den Status quo zu verteidigen, verteidigt am Ende nichts.
Er konserviert Stillstand. Und Stillstand war noch nie ein technologischer Zustand – sondern immer eine bequeme Illusion.
Deutschland verfügt über eine solide Struktur aus Grundlagenwissenschaften und exzellentem Ingenieurwesen. Hinzu kommt – allen Unkenrufen zum Trotz – eine bemerkenswert wandlungsfähige Autoindustrie.
Ausweg aus der Starre
Wenn Industrie und Politik denselben Strang finden – nämlich wissenschaftliche Erkenntnisse – und Ehrlichkeit zum Kernprinzip des Fortschritts wird, sehe ich weder einen automatischen Niedergang noch einen Selbstläufer.
Was uns bremst, ist weniger mangelnde Fähigkeit als ein tief sitzendes Unbehagen gegenüber dem Unvollkommenen. Der Wunsch nach fehlerfreien Lösungen wirkt rational, ist aber oft Ausdruck von Kontrollbedürfnis.
Fortschritt scheitert hierzulande selten am Können, sondern daran, dass wir Unvollkommenheit schwer aushalten. Dabei entsteht Fortschritt nicht, weil er elegant ist, sondern weil man ihn durchsteht – auch dann, wenn er unbequem bleibt.

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