Die heimliche Erleichterung bei Tempo 120

Hinweis vorweg

Dies ist eine Art Nachspiel zu meinem ersten Text über das Tempolimit 120.

Auch wenn die Überschrift wieder die üblichen Verdächtigen triggert und sie sich wahrscheinlich wieder mit ihren sattsam bekannten Ergüssen als Hauptdarsteller für eine Realsatire bewerben, es geht nicht direkt um Tempolimit Pro oder Contra.

Damals haben sich lesbar Gegner und sonstige Dauerempörte in den Facebook-Kommentaren regelrecht hochgeschaukelt. Man muss(te) zur Überzeugung kommen, dass dort anscheinend eine toxische Mischung unterwegs ist:

Unbegleitete Männer mit eingebauter Vorfahrt und einem merkwürdigen Gesellschaftsbild, welche über unsere Straßen düsen. Auf der Suche nach Schilda, allerdings beim Denken mit kapitalem Motorschaden qualmend auf der Standspur ausrollen.

Verstanden haben sie die Intention des ersten Beitrags jedenfalls nicht. Sie verstehen auch nicht, dass die Mehrheit schon lange für ein Tempolimit ist. Es wird kommen müssen. Es geht also nur noch darum, ob 120 oder 130 – und genau da setze eigentlich mein erster Beitrag an.

Mit Sicherheit werden die Lautesten mit 220km/h an der eigentlichen Aussage dieses Textes auf der linken Spur wieder vorbeirasen, um ihren Partikelfilter mit markigen Sprüchen freizurotzen.

Link zum aktuellen Facebook-Beitrag bzw den dortigen Kommentaren und Reaktionen

Dieser neue Text richtet sich daher nicht an sie, sondern an die Befürworter eines Tempolimits. Also an diejenigen, die längst wissen, dass ein Limit sinnvoll ist, aber vielleicht noch nicht so genau, warum sie selbst entspannter fahren, wenn es da ist.

Es geht mehr um eine Beobachtung.

Die merkwürdige Erleichterung

Als Boomer und Kind der Autonation fahre ich auch gerne schnell. Nicht mehr ständig, aber wenn die Autobahn frei ist. Kurzzeitig, versteht sich. Doch sobald ein Schild auftaucht – 120, 130 – spüre ich fast so etwas wie Erleichterung.

Endlich ist die Entscheidung gefallen.

Aufmerksamkeit und Adrenalin

Natürlich merke ich auch: Beim Schnellfahren werde ich kurzfristig aufmerksamer. Mehr Reize, mehr Adrenalin, Tunnelblick. Aber diese Wachheit ist trügerisch. Ein Limit nimmt den Kick, sorgt aber für nachhaltigere Aufmerksamkeit und weniger Stress. Wach sein heißt nicht, ständig am Limit zu fahren, sondern Reserven zu behalten.

Aber warum das Gefühl einer Erleichterung?

Das Parkplatz-Paradox

Es ist ein bisschen wie auf einem Parkplatz. Wenn alles frei ist, dauert die Suche am längsten. Eine reduzierte Speisekarte erleichtert die Bestellung. Je weniger Auswahl, desto schneller die Entscheidung. Genau so fühlt sich die Autobahn mit Limit an: weniger Grübelei, klarere Linie. Zeit für klare Gedanken und gute Musik. Mehr Zeit fürs Überleben im Moloch aus Blech, Abgasen, Asphalt und Wahnsinn  …

Entscheidungsentlastung

Viele merken es gar nicht bewusst, doch mit Limit fährt man entspannter. Die Psychologie nennt das Entscheidungsentlastung: Freiheit heißt nicht, jede Sekunde neu wählen zu müssen, sondern den Kopf frei zu haben, weil die Entscheidung schon gefallen ist.

Bleifuß und Familie

Ein Tempolimit schützt auch vor uns selbst. Fast jeder kennt den Sieg des Bleifußes über den Vorsatz. Und sobald die eigene Familie im Auto sitzt, fährt selbst der größte Schnellfahrer zahmer. Instinktiv weiß jeder, dass weniger Tempo sicherer ist.

Das Gefühl hinter den Zahlen

Vielleicht reden wir Befürworter zu oft über Statistiken. Der stärkste Grund für ein Limit ist aber ein alltägliches Gefühl: ruhiger, klarer, sicherer zu fahren. Dieses kleine Aufatmen, wenn das Schild 120 auftaucht.

Mehr Freiheit durch weniger Wahl

Vielleicht ist das Tempolimit gar nicht die Einschränkung, als die es so oft verkauft wird. Vielleicht ist es im Kern eine Erleichterung: weniger Wahl, mehr Ruhe, weniger Druck. Spätestens mit unseren Liebsten im Auto spüren wir das. 120 heißt nicht weniger Freiheit – es heißt, den Kopf frei zu haben für das, was wirklich zählt.

Noch kleines Geständnis

Wenn 120 limitiert sind, stelle ich den Tempomat fast reflexartig auf 130. Diese 10 km/h mehr fühlen sich an wie ein kleiner persönlicher Freiraum. Und trotzdem ist es entspannter, weil die Grundregel gesetzt ist.

Und ja, ich merke, dass ich auch bei dieser sinnbefreiten 130er-Wahl gerne die überholen möchte, die mit 120 dahingleiten. Es gibt Eigenschaften, die wird man eben nicht so schnell los …

3 Antworten zu „Die heimliche Erleichterung bei Tempo 120“

  1. Vielleicht ist Freiheit eine Art Wahrhaftigkeit und kein Besitz; jedenfalls ist sie mehr als ein Spielraum, oder?

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    1. Freiheit ist auch, wenn man sich nicht mehr beweisen muss. Oder wenn man im Rahmen bleibt.. bzw den Rahmen als Ruhe begreift …?

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