Mythen, Missbrauch und die Würde der Omas
Persönliches Vorwort
Als 64er Babyboomer gehörten meine Großmütter zu der Generation der Trümmerfrauen – geboren etwa zwischen 1905 und 1925.
Der Text über Trümmerfrauen lag mir jahrelang im Gemüt. Immer wieder habe ich daran gearbeitet, aber nie ganz abgeschlossen. Nie war ich damit wirklich zufrieden, weil mir immer etwas fehlte. Es fehlte ein Teil meiner Erinnerungen an meine Großmütter, die mir heute bewusst machten, warum mir die Ideologisierung der Generation „Trümmerfrauen“ schon lange sauer aufstößt.
Warum sie aufstoßen muss.
Das liegt auch an meiner durchaus emotionalen Sichtweise auf meine beiden Omas und an dem Versuch, ihre Erfahrungen mit dem größeren Bild ihrer Generation zu verbinden. Auf der einen Seite habe ich unglaublichen Respekt vor ihren kollektiven Lebensleistungen und den traumatischen Erlebnissen, auf der anderen Seite wollte ich ihre persönlichen Geschichten nicht verklären.
Als Babyboomer weiß ich, es gab Millionen anderer Omas, die Ähnliches wie meine berichten konnten. Die ähnliche oder noch größere Lasten tragen mussten. Und ich bin sicher: Ihre Erinnerungen leben nicht nur in mir, sondern in unzähligen anderen Boomer*innen. Ob sie nun ihre Erinnerungen erzählen oder verschweigen, ich denke sie können wahrscheinlich an diesen Text „andocken“.
Ich bin mir ziemlich sicher, unsere Omas hätten in der Mehrheit ideologische Glorifizierungen und Verklärungen strikt zurückgewiesen, weil sie ihre Leistungen für alltäglich oder normal hielten.
Und gerade dieses scheinbar „Alltägliche“ reizte mich, weil die Zeit alles andere als normal war …
Zwischen Erinnerung und Wahrhaftigkeit
Meine Oma, mütterlicherseits, konnte den besten Marmorkuchen backen. Nur für mich und genau so, wie ich ihn mochte: Unperfekt – mit leicht harzigem Kern (wetzstänisch…) und kleinen Kakao-Knötchen. Bei jedem Kaffee erzählte sie auch vom Krieg: von Bomben, von überfliegenden Kampfflugzeugen, vom Donnerhall, vom Schwarzmarkt in Neustadt und natürlich von „den Amis“.
Ihr Mann – mein Opa – kam aus dem Krieg nie zurück, sie blieb mit drei Kindern allein. Allein in einem kleinen westpfälzischen Dorf, zwischen angegriffenen Verschiebebahnhöfen und Nachschubstrecken der Wehrmacht.
Ich hörte das immer wie eine spannende Geschichte, ohne den Schrecken dahinter richtig zu begreifen. Manchmal liefen wir zu „dem Bombenloch“ in der Nähe ihres Hauses. Für sie war es Erinnerung, für mich eine Senke und Abenteuer. Heute bekomme ich Gänsehaut, wenn ich daran denke. Erst später verstand ich: Sie hat mir nicht nur Kuchen gebacken, sondern auch etwas von ihren Narben gezeigt – in Worten und in der Landschaft.
Meine andere Oma, väterlicherseits, im selben Ort, sah ich leider zu selten. Sie brachte neun Kinder zur Welt, eines verlor sie kurz nach der Geburt. Das erste bekam sie 1936, das letzte 1958. Ihr Mann – mein Opa – starb 1961 bei einem selbstverschuldeten Unfall. Er war auch dem Alkohol sehr zugetan.
Wenn ich heute auf ihr Leben zurückblicke, frage ich mich, ob ihre Ehe wirklich eine war, oder ob sie nicht viel eher ein Verhältnis der Pflicht, Abhängigkeit und Sprachlosigkeit. Damals galt es als selbstverständlich, dass eine Frau verfügbar sein musste. Von Selbstbestimmung über den eigenen Körper konnte kaum die Rede sein, und von „Vergewaltigung in der Ehe“ erst recht nicht. Das Wort dafür kam in Deutschland überhaupt erst Jahrzehnte später auf und musste erkämpft werden.
Vielleicht steckt auch in diesem Schweigen eine große Wahrheit: dass viele Frauen dieser Generation nicht nur Kinder gebaren, sondern selbst in Rollen und Zwänge hineingeboren wurden, aus denen es kein Entrinnen gab.
Die eine sprach, die andere schwieg. Eine öffnete mir die Augen durch ihre Geschichten, eine durch ihr Schweigen. Beide trugen Lasten, die größer waren, als ich mir das heute noch vorstellen könnte.
Viel später ist mir die Bedeutung von „Oma erzählt wieder vom Krieg“ klar geworden. Es war viel mehr als das. Es war Verarbeitung des Unvorstellbaren. Ich finde, es waren aber auch Warnungen vor Unmenschlichkeit.
Mir ist bewusst, dass ich die damaligen Verhältnisse nur erahnen kann. Zwischen Ende des Ersten Weltkriegs und Ende des Zweiten Weltkriegs lagen gerade mal 27 Jahre. Heute leben wir seit fast 80 Jahren im Frieden. Zumindest hier – noch.
Darum habe ich mich für einen differenzierten Blick entschieden – weil das für mich die ehrlichste Form von Respekt ist.
Und weil wir beim Thema Wiederaufbau und Wirtschaftswunder auch die anderen Akteure benennen müssen, die oft vergessen oder diffamiert werden. Und auch hier bin ich sicher: meine Omas hätten die Benennung so gewollt.
Der Mythos der Trümmerfrauen
Das Bild der heldenhaften Frauen, die mit Schippe und Schubkarre Deutschland wiederaufgebaut haben, gehört zum kollektiven Gedächtnis. Nur: In dieser Form hat es den Wiederaufbau nicht gegeben.
Schätzungen zufolge mussten nach Kriegsende rund 400 Millionen Kubikmeter Schutt beseitigt werden [1]. Davon allein in Berlin ca 75 Millionen.
400 Millionen Kubikmeter Schutt entsprechen einem Güterzug von über 93.000 Kilometern Länge – mehr als zweimal um die Erde. Und irgendjemand glaubt ernsthaft, das hätten ein paar zehntausend Frauen mit Schaufeln und Körben bewältigt?
Offiziell soll dies vor allem durch Trümmerfrauen geschehen sein – neben Haushalt, Kindern, Elternpflege, Wiederaufbau und später auch noch dem Wirtschaftswunder.
Schon diese Zuschreibung wirkt grotesk!
Die Beseitigung der geschätzten 400 Millionen Kubikmeter Schutt nach 1945 wurde auch zu einem Teil von Zwangsarbeitern im historischen Sinne des NS-Regimes geleistet, da diese hauptsächlich während des Krieges für die Soforträumung herangezogen wurden.
Nach Kriegsende übernahmen jedoch deutsche Kriegsgefangene unter alliierter Verwaltung sowie zwangsverpflichtete deutsche Bürger – Männer und Frauen gleichermaßen – den Großteil der initialen Aufräumarbeiten. Während die Arbeit der sogenannten Trümmerfrauen oft eine durch die Notwendigkeit des Überlebens bedingte, teils bezahlte, teils pflichtmäßige Leistung war, basierte die eigentliche Massenräumung der Städte auf der Arbeit von professionellen Baufirmen mit schwerem Gerät, ergänzt durch diese verschiedenen Formen von Pflicht- und Zwangsarbeit.[2]
Frauen haben zweifellos Trümmer geräumt, doch der Wiederaufbau Deutschlands war damit nicht zu erklären.
Der Mythos lebt dennoch fort – und wird bis heute verklärt. Wer das nüchtern benennt, läuft Gefahr, als Leugner abgetan zu werden. Dabei ist die Realität nicht weniger bewegend: Ein differenzierter Blick nimmt den Frauen nichts, sondern zeigt ihre wirkliche Leistung – jenseits politischer Vereinnahmung.
Die verdrängte Gewalt: Vergewaltigungen durch Besatzer
Zur Geschichte der Nachkriegszeit gehört auch ein Kapitel, das lange verdrängt wurde: die massenhafte sexuelle Gewalt gegen Frauen durch alliierte Soldaten.
In den von der Roten Armee besetzten Gebieten kam es zwischen 1945 und 1947 hunderttausendfach zu Vergewaltigungen. Historiker wie Norman Naimark oder Antony Beevor schätzen, dass allein in Deutschland 1,4 bis 2 Millionen Frauen betroffen waren, mehrere hunderttausend allein in Berlin [3]. Opfer waren nicht nur deutsche Zivilistinnen, sondern auch Zwangsarbeiterinnen und Kriegsgefangene.
Auch die westlichen Alliierten waren beteiligt: Miriam Gebhardt dokumentiert in „Als die Soldaten kamen“ (2015) rund 190.000 Fälle durch US-amerikanische, französische und britische Soldaten [4]. Besonders in Südwestdeutschland, wo französische Truppen stationiert waren, gibt es zahlreiche Zeugnisse.
Viele Frauen schwiegen – aus Scham, aus Angst oder weil das Thema gesellschaftlich tabuisiert war. Kinder, die aus diesen Vergewaltigungen hervorgingen, wurden lange stigmatisiert und als „Besatzungskinder“ ausgegrenzt. In der DDR durfte über sowjetische Gewalt nicht gesprochen werden, in der BRD wollte man das Verhältnis zu den West-Alliierten nicht belasten.
Damit wurde den betroffenen Frauen eine doppelte Last aufgebürdet: erst die erlittene Gewalt, dann das Schweigen. Heute erleben wir, dass dieselben Frauen posthum verklärt oder für politische Mythen vereinnahmt werden.
Der vergessene Faktor: Marshallplan und Kalter Krieg
Oft wird so getan, als habe Deutschland sich allein aus den Trümmern erhoben. Das ist historisch falsch. Ohne den Marshallplan der USA (ab 1948) hätte es den wirtschaftlichen Aufstieg in dieser Form nicht gegeben [5]. Milliarden Dollar an Hilfen, Rohstoffen und Krediten flossen – eingebettet in die Logik des Kalten Kriegs.
Das Wirtschaftswunder war also nicht nur Ergebnis deutschen Fleißes, sondern auch geopolitischer Interessen. Gerade deshalb ist es gefährlich, den Wiederaufbau nationalistisch zu verklären: Er war von Beginn an ein internationales Projekt.
Die verdrängte Leistung der Gastarbeiter
Wenn es um den Wohlstand der Nachkriegszeit geht, wird ein Kapitel systematisch unterbelichtet: die Rolle der sogenannten “Gastarbeiter“.
Sigmar Gabriel wurde vor Jahren heftig kritisiert, weil ihm unterstellt wurde, er habe gesagt, Türken hätten den Wiederaufbau nach Kriegsende geleistet. Tatsächlich sprach er vom „Aufbau des Landes“. Und das stimmt: Der Wiederaufbau im engeren Sinn war vorbei, als die ersten Gastarbeiter kamen. Aber das wirtschaftliche Wachstum und die Stabilisierung der Bundesrepublik – das haben sie maßgeblich mitgetragen [6].
Ein Blick in Günter Wallraffs Enthüllungsbuch „Ganz unten“ (1984) zeigt die bittere Realität: menschenunwürdige Arbeitsbedingungen, Ausbeutung, sklavenähnliche Zustände [7]. Jeder, der mit der deutschen Hochindustrie jener Zeit in Berührung kam, weiß auch davon. Dass wir darüber bis heute keine breite gesellschaftliche Debatte führen, ist beschämend.
Noch beschämender: Wenn Migration heute thematisiert wird, dann oft nur in Form von Verteufelung – gemütlich aus dem Sessel heraus, auf dem man sitzt und den Migranten mit aufgebaut haben.
Dieser vielleicht weniger beachtete Teil der Geschichte erklärt auch, warum Integration bis heute schwierig ist. „Gastarbeiter“ – und später viele andere Zugewanderte – wurden schlicht sich selbst überlassen. Ihre Bedürfnisse spielten kaum eine Rolle. Man behandelte sie wie Arbeiter auf Zeit, die eines Tages von selbst wieder verschwinden würden – als hätte man sich ein Ersatzteillager für Arbeitskräfte geschaffen.
Und welch Überraschung: Gastarbeiter holten ihre Familien nach und zeugten hier Kinder. Keine Regierung hatte hierfür jemals ein vernünftiges Konzept. Aber fast alle hatten polemische Parolen – seit Jahrzehnten.
Es sollte daher nicht verwundern, wenn sich Menschen in „heimatlich wirkende Parallelwelten“ zurückziehen. Eine echte Willkommenskultur gab es nämlich nie – und das rächt sich bis heute.
Und genau diesen Aspekt wollte Gabriel in der türkischen Community verbindend ansprechen: nicht, dass Türken den Wiederaufbau nach 1945 geleistet hätten, sondern dass sie und ihre Familien einen entscheidenden Teil zum Aufbau des modernen Deutschlands beigetragen haben. Ein Deutschland, das ohne ihre Arbeit, ihre Geduld und oft auch ihr stilles Ertragen nicht das gleiche Land wäre.
Politische Vereinnahmung und Missbrauch
Populisten haben die Trümmerfrauen längst zu einem Symbol gemacht: deutsche Stärke, Aufopferung, Heimatstolz – ohne Diversität, ohne Gleichstellung. Ein Symbol, das ausgrenzt statt verbindet.
Das hat nichts mit den Lebensrealitäten unserer Großmütter zu tun. Diese Frauen wurden in der Nazizeit zu Heldenmüttern und Gebärmaschinen der Herrenrasse verklärt, im Krieg im Stich gelassen, in der Nachkriegszeit vergessen – und werden heute posthum für politische Zwecke missbraucht.
Es ist erbärmlich, wie ausgerechnet diejenigen, die selbst ein rückwärtsgewandtes Frauen- und Menschenbild vertreten, diese Frauen vereinnahmen. Dahinter steht kein Respekt, sondern eine zynische Ideologie.
Parallelen zur Gegenwart
Wer heute den Mythos der Trümmerfrauen instrumentalisiert und Tatsachen des Wirtschaftswunder verschweigt, verfolgt damit ein klares Ziel: Migration unsichtbar machen und abwerten.
Statt nüchtern über Chancen, Herausforderungen und Realitäten von Zuwanderung zu sprechen, werden Mythen produziert – vom „Wirtschaftswunder aus eigener Kraft“ damals bis zur „Überforderung durch Migration“ heute. Beide Narrative verschleiern die Wirklichkeit.
Vielleicht zeigt gerade die historische Erfahrung: Ohne internationale Hilfe, ohne Zuwanderung und ohne Solidarität wäre Deutschland nicht das, was es ist. Und genau deshalb sind einfache Geschichten nicht nur falsch, sondern gefährlich.
Persönlicher Schluss
Ich denke wieder an meine beiden Omas.
Sie haben fast ein Dutzend Kinder durchgebracht, in widrigsten Umständen. Auf die Frage, was sie Besonderes geleistet haben, hätten sie nur geantwortet: „Das, was jede Mutter für ihre Kinder tun würde.“ Sie hätten Empathie für Frauen in heutigen Kriegs- und Katastrophengebieten. Es wäre ihnen ein Greuel, wenn man diese Mütter anfeindet, nur weil sie Schutz bei uns suchen.
Und sie hätten sich heftig gegen den Missbrauch gewehrt, der aus ihrem Leben ein politisches Symbol macht.
Darum gilt für mich: Ein differenzierter Blick ist keine Abwertung. Er ist die ehrlichste Form von Respekt – für Großmütter, Trümmerfrauen, für Gastarbeiter, für die Opfer der Besatzungsgewalt und für alle, die wirklich den Grundstein für das heutige Deutschland gelegt haben.
Gerade dieser Blick gibt ihnen ihre Würde zurück.
Epilog
Wenn ich heute die politischen Vereinnahmungen sehe, wünschte ich, meine Omas könnten noch einmal das Wort ergreifen. Nicht um sich feiern zu lassen, sondern um uns daran zu erinnern, was Menschlichkeit wirklich bedeutet.
Und ich denke an die heutigen „Omas gegen Rechts“. Nun zum Teil Frauen aus meiner eigenen Generation. Sie stellen sich auf die Straße, mit Plakaten und klaren Worten, weil sie aus ihrer Lebenserfahrung wissen: Demokratie ist verletzlich. Dass sie sich dafür anpöbeln und verhöhnen lassen müssen – nicht selten von jenen, die gleichzeitig die Trümmerfrauen-Generation für ihre politischen Zwecke missbrauchen – ist eine bittere Ironie.
In Wahrheit aber verbindet beide Generationen etwas: Würde.
Die einen trugen sie im Schweigen und Ertragen, die anderen tragen sie im Aufstehen und Sprechen. Vielleicht ist genau diese Würde das stärkste Band zwischen Vergangenheit und Gegenwart – und der ehrlichste Schutz davor, dieselben Fehler noch einmal zu begehen.
Vielleicht müssten unsere Großmütter uns daher gar nicht viel Neues erzählen. Denn die Muster von damals – das Schweigen, das Verdrängen, das Zurechtbiegen der Erinnerung – begegnen uns auch heute wieder.
Wir wissen vieles: über die Rolle von Arbeitsmigranten, über fehlende Integration, über Ungleichheit. Aber Wissen heißt nicht, es wahrzunehmen.
Und solange wir die unbequemen Seiten der Wirklichkeit ausblenden, wiederholen wir das alte Muster. Ein Land, das sich gern über seine Stärken erzählt, aber ungern über seine Risse, bleibt ein Land im emotionalen Trümmerfeld.
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Quellen
[1]: Deutschlandfunk: Trümmerfrauen – Den Kriegsschutt räumten andere weg (2020).
[2]: REM Mannheim: Trümmerfrauen 1946 – Robert Häusser (Blogartikel).
[3]: Antony Beevor: Die Schlacht um Berlin. Berlin Verlag, 2002; Norman Naimark: The Russians in Germany. A History of the Soviet Zone of Occupation, 1945–1949. Harvard University Press, 1995.
[4]: Miriam Gebhardt: Als die Soldaten kamen. Die Vergewaltigung deutscher Frauen am Ende des Zweiten Weltkriegs. DVA, München 2015.
[5]: Bundeszentrale für politische Bildung (bpb): Der Marshallplan und das deutsche Wirtschaftswunder.
[6]: Wikipedia: Anwerbepolitik der Bundesrepublik Deutschland.
[7]: Günter Wallraff: Ganz unten. Kiepenheuer & Witsch, Köln 1984.

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